Jean-Claude Dysli & Peter Kreinberg im Gespräch

 

Ausbilden statt Abrichten

Das Westernreiten in Deutschland hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark entwickelt und verändert. Nicht immer zum Vorteil der Pferde finden Altmeister Jean-Claude Dysli und Peter Kreinberg, die seit Anbeginn als Ausbilder, leidenschaftliche Vertreter der Klassisch Kalifornischen Reitweise, Züchter und Kursleiter ihr Wissen an Reiter weiter geben und heute noch aktiv dabei sind. Dem Turniersport schon vor Jahren entsagt, betrachten die Pferdekenner die populäre Reitweise im Westernsattel einmal von Außen – ein Blick, der manche Ausbildungsmethoden in Frage stellt.  

Locker und geschmeidig kreuzt der Braun-Schecke ‚Chief’ seitwärts im Trab, seine Schulter ist aufrecht, sein Rücken schwingt locker mit. Er zeigt Traversalverschiebungen, um kurz darauf in einen rasanten, im Trab gekreuzten Spin zu wechseln – dieses Schaubild ritt Peter Kreinberg vor 24 Jahre im Rahmen der Western-Europameisterschaften und grenzte sich schon damals von der Standart-Turnierreitweise ab: seine Pferde laufen mit freier Schulter voran, bewegen sich raumgreifend, dynamisch und elegant, auf den Punkt genau und reagierten fein auf die klaren und unterstützenden Hilfen des Reiters. Peter Kreinberg war damals schon eines klar: „Ein wirklich lockeres, geschmeidiges und fein an den Hilfen stehendes Pferd, dass mit wachen Augen und offenem Verstand bei seinem Reiter ist und durch fleißige, unverkrampfte Bewegungen sinnvoll gestaltete Abläufe ausführt wird langfristig gesund bleiben. Physisch und psychisch“. Den
Ausbildungsweg dahin, erkannte er früh. „Dieser Weg hat echte Leichtigkeit als Hintergrund. Und die sah ich das erste mal bei Jean-Claude Dysli vor über 30 Jahren“, erinnert sich der 56-Jährige. „Ich glaube es war 1972, als Jean-Claude auf der ersten Equitana auftrat. Mit leichtem Vorwärtssitz galoppierte er den kleinen Quarter Horse-Wallach voran. Diese Bild war ganz anders als all das, was er bisher gesehen hatte. Das Pferd galoppierte zügig und frei vorwärts, ohne dabei zu rennen. Es blieb beim Reiter, wirkte aber keinesfalls gebremst oder eingerahmt. Es lag ein Unterschied darin, mit welcher Qualität und Bedeutung dies geschah. Sein Pferd führte die vielseitigsten Manöver aus, als wäre es seine eigene Entscheidung dies zu tun. In der Galopparbeit zeigte er flüssige und sauber durchgesprungene Serienwechsel und mit Leichtigkeit ausgeführte Rollbacks rundeten das Bild ab. All das ritt Dysli mit der klassischen Hackamore-Zäumung, also gebisslos.
Von diesem Tag an war Kreinberg auf seiner Suche nach Leichtigkeit bestätigt und wollte diese auch in einem System für andere Reiter zugänglich machen.
So entwickelte er in den letzten 30 Jahren sein eigenes Konzept, das auf den Methoden der Klassischen Kalifornischen Reiterei, der Campagne Reiterei und den Grundsätzen der amerikanischen

 Horsemanship-Arbeit beruht. Als Richter, Turnierreiter und Trainer sammelte Kreinberg ausreichend Erfahrungen in der Turnierwelt, dessen Ausbildungsmethoden und Ziele sich dann schnell von seinen Idealen unterschieden. Unter seiner Methode „The Gentle Touch“ finden sich heute über  90 lizenzierte Ausbilder, die nach seinem Prinzip anspruchsvolles und pferdegerechtes Reiten lernen und lehren. 

Kritik an heutigen Ausbildungsmethoden

Westernreiten in Deutschland begann in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Anfänglich war es die Lebenseinstellung einer kleinen Gruppe von Reitern, die das wahre Cowboydasein in Deutschland nachempfanden und sich trafen, um Spaß zu haben mit im Westernstil gerittenen Pferden. Diese Gruppe wuchs schnell und es gruppierten sich Reiter, die aus Freude mit dem Pferd und zu Erholungszwecken ritten und die, die Turniere bestritten. Es entwickelte sich der Turnier- und Freizeitreiter im Westernsattel. Durch die amerikanische Westernreiterei zog das Natural Horsemanship ins Land. Die so genannte Horsemanship-Bewegung, die die Philosophie von ganzheitlichem Umgang und Reiten propagierte - also pferdegerechte Haltung, Fütterung, Erziehung und Bodenarbeit umfasste – fand auch seinen Weg in andere, nicht Western orientierte Reitweisen. Im Außen, also auch bei Englisch-, Barock- oder Gangpferdereitern, hat Horsemanship ein Umdenken bewirkt – zum Wohle des Pferdes. Zahlreiche alternative Ausbilder (hier bestehen gehörige Unterschiede in der fachlichen Kompetenz) wie Parelli, Roberts oder Tellington-Jones, konnten durch die Verbreitung der Westernreitweise und dem damit einhergehenden Horsemanship-Gedanken in anderen Reitweisen als Ausbilder Fuß fassen und trugen zur Weiterentwicklung bei. Das Westernreiten hat also wesentlich dazu beigetragen, dass die Haltungs- und Umgangsformen der Pferde in Deutschland optimiert wurden.

Die Entwicklung innerhalb der Westernreiterszene beäugen unsere zwei Experten Kreinberg und Dysli allerdings kritisch. „Der Urgedanke der Westernreiterei, ein lockeres, willig reagierendes Pferd und vor allem ein vielseitig einzusetzendes Pferd zu züchten und auszubilden, verschwand zusehends mit der Entwicklung des Turniersports. Immer mehr Pferde wurden zu Fachspezialisten ausgebildet und auch dafür gezüchtet“, so Kreinberg. Das breit gefächerte Bild des vielseitigen Westernpferdes gibt es heute kaum noch, eine Entwicklungsrichtung, der die zahlreichen Westernverbände in den Jahren auch nicht entgegen gewirkt haben. Die praktizierten Ausbildungsmethoden sind häufig nicht mehr pferdefreundlich, an den mentalen Bedürfnissen des Pferdes orientierte und vor allem nicht an deren biomechanischen Voraussetzungen geknüpft.

Die öffentlich auftretende Kritik an einzelnen Ausbildern, den Abreitemethoden auf Turnierplätzen oder den sehr kurzen Ausbildungswegen der Pferde und der danach häufig kurzen Showkarrieren der Spezialisten bestätigen dies. Auch für Dysli steht fest: „Das was heute im deutschen Western-Turnierssport geritten wird ist in wenigen tierschutzwidrig. Es wird gezerrt und gezurrt, Pferde seitlich zu stark gebogen (Hyperflexionieren), ihnen die Vorwärtsbewegung geraubt oder im Training nach Correction-Bits, Schlaufzügeln oder anderen Hilfemittel gegriffen. Pferde werden innerhalb 18 Monate ‚turnierfertig’ gemacht. Im Sinne des Pferdes ist dies sicher nicht.“ Kreinberg fährt fort: „Möchte man ein Pferd in einem festgelegten Zeitraum ausbilden, der vielleicht 18 Monate nicht überschreitet, so ist die Erarbeitung von echter Leichtigkeit kaum möglich. Denn hierfür müsste jedes Pferd seinem Talent nach individuell gefördert werden. Schritt für Schritt könnte es ‚lernen’, die einzelnen Hilfen zu verstehen und diese seinem Körper entsprechend – also im Sinne seiner Biomechanik - umzusetzen. Dies kann je nach Pferd auch mal zwei oder drei Jahre dauern, wenn das Ziel eine Leichtigkeit ist, die aus dem Inneren des Pferds heraus erwächst. Ich kann einem Pferd dies in Schritt für Schritt aufeinander aufbauenden Übungen beibringen, eine innere Bereitschaft im Pferd schaffen, seine Muskulatur und Haltung langsam formen und eine ganzheitliche Geschmeidigkeit erlangen. Nimmt man sich für diese Aufgabe aber nur ein gutes Jahr Zeit, dann funktioniert dies nicht. Hier können die Ausbildungsschritte dann nur forciert werden. Das Pferd erhält keine Übungsabläufe durch die es ‚lernt’, sondern ihm wird der gewünschten Bewegungsablauf von außen aufgesetzt. Das heißt, es wird äußerlich in einen Rahmen gebracht, ohne, dass es mental voll motiviert bleibt. Das Ergebnis: ein Pferd, das durchaus Lektionen leicht ausführen kann, das sich aber niemals selber von innen heraus tragen kann“, erläutert der Pferdekenner.

Kreinberg möchte ein Pferd mit einer hohen Gesamtrittigkeit in allen Bewegungen. Diese lernt das Pferd über systematisch aufgebaute Abläufe zuerst am Boden und dann unterm Sattel. Die vom Menschen außen am Pferd angebrachten Hilfen lernt es zu verstehen und kann so nach individueller Ausbildungszeit, seine eigne Haltung und Balance innerhalb der Reiterhilfen selbst finden. Seit über 20 Jahren ist der renommierte Ausbilder bekannt dafür engagierte und anspruchsvolle Freizeit-, Western- oder Englischreiter zu fördern. Wer echte Leichtigkeit mit seinem Partner Pferd sucht und auch bereit dazu ist, langfristig daran zu arbeiten kann von seinem Ausbildungskonzept profitieren. „Spaßhaben an den kleinen Schritten – dies ist eines der wichtigsten Dinge bei der anspruchsvollen Ausbildung von Pferden. Denn solide ausgeführte, kleine Schritte bilden nach und nach ein Gesamtbild von Leichtigkeit“.

Prinzip der Leichtigkeit

Jede Reitweise in der Geschichte entwickelte sich so, wie es aus historischen und kulturellen Gründen heraus nötig war. Die Berber erfüllten die Bedürfnisse ihrer kämpferischen arabischen Wüstenbewohner genauso wie die Pferde vor dem Pflug oder auf den langen Distanzen russischer Landwege. In Kalifornien entwickelte sich die Klassisch Kalifornische Reitweise durch den Einfluss der Spanier. Feinheit, Schönheit und Effizienz kamen nun zusammen. Das Gedankengut und die praktische Ausführung der spanischen Reitweise mischten sich mit der vorhandenen Reitweise der Cowboys. Die Campagne-Reiterei, die mit  ihren Heeresdienstvorschriften (HDV 12), als Mutter der heutigen FN Reitlehre gilt, ist neben der Kalifornischen die zweite kultivierte und pferdegerechte Gebrauchs-Reiterei in der Geschichte mit der sich Kreinberg fundiert beschäftigte. Beide alten Traditionen verknüpft der Ausbilder miteinander in seinem Konzept ‚The Gentle Touch®’. “Die Reitweisen zielten auf gehorsame, leichtrittige und freudig mitmachende Pferde ab, die nach entsprechender Ausbildung sicher und mit Leichtigkeit zu reiten waren“, erzählt der Fachautor.

„In früherer Zeit erreichte man dieses Ziel vor allem deshalb auf breiter Basis, weil Pferd und Reiter sich gemeinsam einer praktischen Aufgabenstellung gegenüber sahen, nämlich dem Reiten im Gelände mit seinen vielfältigen und abwechslungsreichen Situationen. Die mussten gemeinsam bewältigt werden, oft kamen dann auch noch weitere praktische Aufgaben wie die Rinderarbeit dazu. Pferd und Mensch erkannten sehr schnell, dass Sie aufeinander angewiesen waren und suchten nach dem bequemsten und effektivsten Weg zum Ziel. Die klare Aufgabenstellung gab beiden einen Sinn für ihr Handeln.“, beschreibt Kreinberg. Es ging stets darum, bestimmte Ziele zu erreichen. Ausdauer war gefragt und ruhiges überlegtes Handeln. Nur in Ausnahmen wurden Höchstleistungen abgefordert. War ein Ziel erreicht, so gab es Ruhe und Belohnung. Vor einem solchen Hintergrund war es möglich, dass die ‚Idee des Menschen’ sehr bald auch zur ‚Idee des Pferdes’ wurde.“

Unter heutigen Rahmenbedingungen mit den abstrakten Vorstellungen von oft leistungssportlich orientierter Reiterei fehlt die klare Sinngebung für Pferd und Mensch in der Ausbildung und im Alltag. Sie sollen ‚Lektionen’ oder ‚Manöver’ ausführen, ohne einen Sinn darin zu erkennen. Die heutige deutsche Reitweise entwickelte sich auch kulturell mit ihrem Land mit. Und hier steht der Turniersport und nicht die Praxis orientierte und effiziente Arbeit mit dem Pferd im Vordergrund. Für Pokale zu reiten, hat für den Mensch vielleicht Bedeutung, aus Sicht des Pferdes aber, besteht darin kein Sinn. Die Anforderungen an das Pferd einer turnierorientierten Reitweise sind dann auch noch mit dauerhafter geistiger und körperlicher Anstrengung verbunden. Das Pferd wird regelmäßig überfordert.  
Andererseits gibt es die Pferde, die nur in Boxe und Paddock ihre meiste Zeit verbringen. Werden sie geritten, so nur für eine Stunde auf dem Platz oder in der Halle. Solche Pferde sind unterfordert, ihre Aufmerksamkeit wendet sich vom Reiter ab auf die Umgebung und sie neigen zu Energieausbrüchen oder aber sie werden phlegmatisch und unaufmerksam. Sowohl die eine wie die andere Gruppe entwickelt sehr bald ein eignes ‚Weltbild’, in der der Reiter mehr als ein Störfaktor wahrgenommen wird. Daraus ergeben sich dann sehr leicht Konfrontationen und Stresssituationen für beide, wie sie heute in fast jedem Reitstall zu sehen sind. Hier setzt die The Gentle Touch Methode an, um Reiter und Pferd harmonisch zusammen zu bringen „Die Übungen sind so aufgebaut, dass sie für Pferd und Mensch sinnvoll erscheinen. Dazu wird das ‚Gelände’ in die Reitbahn geholt“, erläutert Kreinberg.
Hierfür dienen verschiedene Hilfsmittel als Orientierungspunkte: Die geben der Arbeit mehr Sinn. Man muss um etwas herumgehen oder hinüber. Man muss sich für links oder rechts entscheiden, es gibt Etappenziele, Ruhezonen und Hindernisse, Abstände sind zu beachten usw.  Durch einen sinnvollen Einsatz von Hilfsmittel und eine zweckmäßige Gestaltung der Übungen ergeben sich Situationen, die von Reiter und Pferd gemeinsam bewältigt werden müssen. Dadurch kann ‚die Idee des Reiters zur Idee des Pferdes werden’. Das Pferd wird nicht zum ‚Freizeit-Sklaven’ degradiert, sondern der Reiter kommt seinem Ziel, eine ‚Partnerschaft’ mit seinem Pferd zu formen, dadurch sehr viel näher. Dieser partnerschaftliche Aspekt lässt sich nur aus zweckbestimmtem, sinnvollem Zusammenwirken erreichen.

Eine Arbeits- oder  Gebrauchsreiterei gibt es bei uns in Deutschland nicht mehr. Aber die Vorzüge dieses Reit- und Ausbildungssystems lassen sich für ambitionierte Reiter, die keinen falschen Ehrgeiz haben und lernen möchten, durchaus noch mit etwas Phantasie gestalten. Dann kann Harmonie mit dem Pferd gelebt werden.

Text & Fotos © Rika Kreinberg


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