Ausführliche Beschreibung der TGT®-Inhalte Bodenarbeit

 

Verständnis, Gelassenheit, Kooperationsbereitschaft, Technik, Übungsmethodik, Gefühl.

 


Bodenarbeit / Erziehung

Verständnis, Gelassenheit, Kooperationsbereitschaft, Technik, Übungsmethodik, Gefühl. Die TGT®- Bodenschule ist in zwei grundsätzliche Themenbereiche Bodenschule und Reiten unterteilt. Sie bauen aufeinander auf und ergänzen sich. Die Basis bildet der Themenbereich Bodenarbeit.

Bei der Arbeit mit dem Leitseil lernt der Mensch, seinen Körper akzentuiert und gefühlvoll einzusetzen. Foto: BoiselleBei der Arbeit mit dem Leitseil lernt der Mensch, seinen Körper akzentuiert und gefühlvoll einzusetzen. Foto: BoiselleIn ihm werden die Grundlagen von Verständigung, Erziehung und in ersten Ansätzen auch Gymnastizierung erarbeitet. Pferd und Mensch lernen „situationsbezogen“ und erfahrungsorientiert miteinander, und dabei wird ihre Individualbeziehung maßgeblich geprägt.

Das fundamentale Verständnis für das Zusammenwirken von Mensch und Pferd wird bei beiden also schon bei der Bodenarbeit geschaffen. Darauf baut beim jungen Pferd die spätere reiterliche Weiterentwicklung von Pferd und Reiter auf. Mit einem älteren Pferd kann auch parallel am Boden und unter dem Sattel gearbeitet werden. Bodenarbeit dient aber nicht nur dazu, Verständnis, Verständigung und Gefühl zu entwickeln, sie ist auch ein sinnvolles Mittel der Erziehung, sowohl des Pferdes als auch des Menschen.

Es werden Verhaltensmuster erarbeitet, die man als „Gute Manieren“ bei einem Reifpferd im Idealfall erwartet und die generell zur mehr Gelassenheit und Mitarbeitsbereitschaft auch unter dem Sattel führen. Doch ebenso wichtig ist es, dem Menschen Gelegenheit zu geben, seine Umgangsformen im Sinne pferdegerechten und -verständlichen Handelns weiterzuentwickeln.

Das mentale Gleichgewicht von Vertrauen und Respekt wird erarbeitet, und für das „physische Gleichgewicht“ mit kontrollierten, koordinierten Bewegungen werden die Grundlagen geschaffen.

Die vier Bereiche der TGT®-Bodenschule sind:

1.   Führtraining

2.   Arbeit am Leitseil

3.   Arbeit an der Hand

4.   Instinkte modifizieren / Desensibilisieren

 

Nach erfolgreichem Bodentraining sollte man das Pferd an der Hand mit leichten Einwirkungen überall kontrollieren können. Es sollte zum Beispiel kontrolliert und gelassen durch die Aufgaben der Gelassenheitsprüfung (GHP), wie sie im Bereich Breitensport der FN angeboten wird, geführt werden können.

Es sollte außerdem ein differenziertes Hilfenverständnis für die reiterlichen Einwirkungen von Zäumung und Schenkel entwickelt haben. Und es sollte in der Lage sein, die fundamentalen Bewegungsmanöver eines Reitpferdes kontrolliert am Leitseil auszuführen.

Dazu gehören die drei Grundgangarten, das Anhalten aus jeder Gangart, Wenden um die Hinterhand und Rückwärtsrichten sowie das ruhige Überwinden von Boden- und Schreckhindernissen.

TGT® – Führtraining

Schwebephasen beachten: gibt der Mensch beim Führen den Impuls im richtigen Moment, wird die Bewegung des Pferdes leichter und flüssiger werden. Foto: BoiselleSchwebephasen beachten: gibt der Mensch beim Führen den Impuls im richtigen Moment, wird die Bewegung des Pferdes leichter und flüssiger werden. Foto: BoiselleDieser Teil der Bodenarbeit stellt den Bezug zum Umgang mit dem Pferd im Alltag her. Die Hilfsmittel sind Stallhalfter, Führseil und eventuell als Reizverstärker eine ins Halfter eingelegte Führkette, die bei unsensiblen oder abgestumpft reagierenden Pferden gefühlvoll und angemessen als Reizverstärker eingesetzt wird. Ihre korrekte Anwendung wird sorgfältig vermittelt. Schon beim Führen wird die Art der Beziehung zwischen Mensch und Pferd definiert. Den meisten Menschen ist das nicht bewusst. Stellen Sie sich selbst einmal die Frage, ob Ihre Beziehung mehr auf dem Austausch von klar verständlichen, eindeutigen Signalen beruht, oder ob sie durch mehr oder weniger mechanische Kraftanwendung geprägt ist. Letzteres ist nach meiner Erfahrung die gängige und überall praktizierte Form.

Wieso ist das so? Der daraus resultierende Teufelskreis gegenseitiger Kraftanwendung zieht sich dann durch das ganze Pferdeleben und wird vom Umgang am Boden auf die Arbeit unter dem Reiter übertragen. Es beginnt mit den ersten Erfahrungen eines Pferdes, die es in der Fohlenzeit macht, wenn man ihm ein Halfter anlegt und versucht, es zu führen. Der Mensch zieht in die eine Richtung – und das Fohlen in die andere. Mal gewinnt der eine, mal der andere.

Dieses Prinzip wird dann im weiteren Leben des Pferdes fortgesetzt. Durch stete Wiederholung dieses „Rituals“ lernt es drei Dinge: Der Meinungsaustausch findet über Körperkraft statt. Es ist stärker als der Mensch, und deshalb kann es letztlich immer seinen Willen durchsetzen, wenn es das möchte. Es verzichtet auf die Unbequemlichkeit solcher Auseinandersetzungen, solange es keinen Grund sieht, sich dem Menschen gegenüber durchzusetzen.

Das richtige Timing des Halfterimpulses entscheidet darüber, wie das Pferd sein richtungsweisendes Vorderbein setzt. Foto: BoiselleDas richtige Timing des Halfterimpulses entscheidet darüber, wie das Pferd sein richtungsweisendes Vorderbein setzt. Foto: BoiselleEs toleriert dessen Wünsche und passt sich ihm aus Bequemlichkeit mal mehr, mal weniger an. Wenn es einen wichtigen Grund hat, wie beispielsweise Furcht, das Bedürfnis, sich einer unangenehmen Forderung des Menschen zu verweigern, den Herdentrieb, Futterneid usw., so toleriert es ihn nicht mehr und handelt nach eigenem Willen, alle Versuche des Menschen ignorierend, das zu verhindern. Pferdeleute gewöhnen sich an dieses System, und sie lernen häufig auch kein anderes kennen.

Man leitet dann aus dem Gesamtverhalten des Pferdes ab, man könne es am Halfter führen und kontrollieren, wie, wann und wo der Mensch das möchte; eine trügerische Annahme. Man geht Kompromisse im Alltag ein, ohne dass es einem bewusst wird. Man weicht dem Pferd ständig aus, man lässt sich häufig auf die Füße treten, herumstoßen oder ziehen. Man akzeptiert, dass das Pferd Verspannungsreflexe entwickelt, die sein gesamtes natürliches Bewegungsverhalten negativ verändern, sobald ein Kontakt hergestellt wird. Das erscheint alles normal, weil dieses System des Umgangs in den Reitställen und bei fast allen Pferdeleuten verbreitet ist. Wenn das Pferd nun aus gegebenem Anlass komplett die Mitarbeit verweigert, sich losreißt oder gar nicht mehr in die gewünschte Richtung zu bewegen ist, dann ist der Mensch hilflos, dann werden Entschuldigungen, Erklärungen und zum Teil Verwünschungen ausgesprochen.

Dieses Prinzip wird ins Reitprogramm übertragen. Nun wird mal mit weiniger, mal mit mehr Kraft, mit Gebiss, Sporen und Gerte eingewirkt. Eine deutliche Schmerzreaktion auf unsachgemäße Gebisseinwirkung wie deutliches Aufsperren des Maules wird durch ein „Sperrhalfter“ unmöglich gemacht. Als Folge entstehen Muskelverspannungen in Hals und Rücken, Meideverhalten und Reflexe der Gegenwehr und des Selbstschutzes entwickeln sich.

Die Folgen: das Hochreißen des Kopfes, Wegdrücken des Rückens, Bocken, Steigen, Zackeln oder im schlimmsten Fall Durchgehen. Das wird mit Stoßzügel, Martingal, „schärferen Gebissen“ und ähnlichen „Hilfsmitteln“ zu verhindern versucht. Der negative Kreislauf schlechten Reitens mit tierquälerischen Tendenzen nimmt seinen Lauf.

Da diese Bilder weit verbreitet sind, werden sie als normal empfunden. Ja, die Ausrüstungsgegenstände, die Schmerzreaktionen unterdrücken oder Widerstand brechen, sollen, ja sind sogar zum Teil als „reguläre Hilfszäumungen“ offiziell von den Organisationen im Pferdesport erlaubt.

Foto: Boiselle

Den Pferden geht es dabei wie einem Menschen, mit dem über einen Lautsprecher kommuniziert wird. Wenn er etwas inhaltlich nicht verstanden hat und falsch interpretiert, dann wird das als Fehler gewertet. Man dreht dann die Lautstärke abrupt auf, um den Fehler zu „korrigieren“ und ihn dafür durch den Lärmschmerz zu bestrafen. Da er die Botschaft aber nicht verstanden (begriffen) hat, kann er nicht die gewünschte Handlung zeigen und somit auch nicht lernen, sie beim nächsten Mal zu zeigen. Er lernt statt dessen aber, dass der Lautsprecherlärm jedes Mal schmerzhaft gesteigert wird, wenn er antwortet oder reagiert. Er versucht, sich nun vor dem Schmerz zu schützen, und verkrampft sich mental und körperlich in Erwartung der nächsten „Lärmattacke“. Der pädagogische Effekt eines solchen Lernsystems ist natürlich fragwürdig, und die Resultate werden entsprechend unbefriedigend für alle Beteiligten ausfallen.

Doch nicht alle Menschen suchen Lösungen für die entstehenden Probleme durch eine „Aufrüstung“. Manche wählen die „Abrüstung“. Man versucht dann, mit „milderen“ Mitteln dem Pferd weniger Grund für Widerstände und Fehlverhalten zu geben und erwartet sich sozusagen als Dank dafür dessen „Wohlverhalten“. Sogenannte „milde“ Gebisse, gebisslose Zäumungen, Gebiss-Stücke mit Apfelgeschmack, gepolsterte Sperrhalfter oder Halfter, „stumpfe“ Sporen usw. werden angeboten. Die Industrie wird nicht müde, immer wieder neue Innovationen auf den Markt zu bringen, um sowohl die „Aufrüstungs“- wie die „Abrüstungs-Lobby“ zu bedienen. Doch auch diese „Meidestrategie“ führt in die Irre.

Ein Pferd mit „mildem“ Gebiss am „losen Zügel“ zu reiten, das mag es bis auf wenige Ausnahmen vor Schmerzen im Maul schützen, doch nicht vor den Schmerzen, die daraus resultieren, dass es weitestgehend in falscher Körperhaltung und häufig unkontrolliert geritten wird. Die Schmerzen aus Verspannungen, Verschleißerscheinungen und Unfällen kommen allerdings später und werden mit der eigentlichen Ursache dafür nicht mehr in Verbindung gebracht.

Durch die mangelnde Kontrollierbarkeit gibt es darüber hinaus stets kleinere Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen, die zumindest dazu führen, dass das Pferd sich häufig belästigt fühlt. Die körperlichen Anzeichen für diesen Gemütszustand wie Schweifschlagen, Hochwerfen des Kopfes und unregelmäßiges Laufen werden nicht wahrgenommen oder ignoriert. Das Pferd leidet seelisch unter solchen Zuständen ebenso wie unter zu groben körperlichen Umgangsformen und zeigt Verkrampfungen, Meideverhalten und Abwehr in anderer Form. Ein Pferd, das nun mit seinen Möglichkeiten des Selbstschutzverhaltens auf solche vom Menschen geschaffenen Rahmenbedingungen reagiert, wird zum Problempferd erklärt, und man sucht entweder den Rat eines „Pferdeflüsterers“, oder man greift zu Zwangsmitteln und Einschüchterungstaktiken als letztem Ausweg. Leider erkennen die wenigsten Pferdebesitzer oder Reiter, dass sie dem Pferd Schritt für Schritt dieses Verhalten beigebracht haben und schon beim Fohlen damit begannen. Nur wenn sie ihre eigene Einstellung und ihr Handeln ändern, wird sich auch das Verhalten des Pferdes dauerhaft ändern können.

Allerdings ist es immer sehr viel schwieriger, gefestigte Verhalternsmuster, in diesem Fall das sogenannte „Problemverhalten“ umzukonditionieren, als die gewünschten Reaktionen von vornherein durch systematische Arbeit zur Gewohnheit und somit zum Standardverhalten werden zu lassen. Das sieht dann so aus: das Pferd lernt im ersten Schritt durch „Nachgiebigkeitsübungen“, dem Kontaktdruck am Körper nachzugeben. Kontaktdruck wird ohne massive Krafteinwirkung an einen Körperbereich dosiert platziert, bis das Pferd mit dem Körperteil oder mit dem ganzen Körper nachgibt, ausweicht oder zumindest eine partielle Muskelentspannung anbietet. In diesem Moment muss der Kontaktdruck sofort aufgegeben werden.

Die Berührungen haben mehr den Charakter einer „Massage“, nicht eines Stoßes oder immer stärker werdenden Dauerdrucks. Durch einige Wiederholungen erkennt das Pferd das Prinzip: Druck kann durch Nachgeben, Ausweichen und Muskel-Dehnung und -Entspannung gelindert, minimiert und letztlich komplett ausgeschaltet werden. Nun lernt es, dass dieses Prinzip auch gilt, wenn mit dem Halfter vermehrt auf der Nase, an der Seite, unter dem Kinn oder hinter den Ohren Kontaktdruck platziert wird. Es beginnt, die Halsmuskulatur zu lockern und den Kopf und Hals entsprechend zu biegen. Hat es dieses Prinzip verstanden, lernt es, dass der Halfterkontakt nicht nur zum Biegen des Kopf-Hals-Bereichs auffordert, sondern auch dazu, die Hufe trittweise zu versetzen. Dazu wird der „Massage-Druck“ zu Druckimpulsen (Zupfern oder leichten „Anschlägen“) gewandelt. Auch hier gilt wieder das Prinzip: Sobald es als Reaktion auf die Signalimpulse einen Huf hebt, werden die Einwirkungen sofort beendet und mit der Stimme zusätzlich ein Lob (beispielsweise „Braaaav!“) gegeben.

Auf diese Weise lernt es, das dosiert und platziert gegebener Körperkontaktdruck Signalbedeutung hat, mit dem der Mensch dem Pferd zunächst vermittelt, wo und wann es sich bewegen soll – und wo nicht; dann später, wie es das tun soll. Dieses Prinzip lässt sowohl dem Pferd als auch dem Menschen am besten im Bereich des Führtrainings in den Grundlagen vermitteln. Das Prinzip wird später auf den gesamten Bereich der reiterlichen Einwirkungen, der Hilfen, übertragen und führt zu der Leichtigkeit, die mit der TGT®-Methode letztlich erreicht werden kann. Körperkontakt ist nicht mehr ein Kraftakt, sondern eine Verständigungsakt. Das Pferd kommt nicht ins Bewusstsein seiner Körperkraft, es entwickelt keine Verspannungsreflexe, kein Meideverhalten oder gar Abwehr gegen das „Kommunikationsmittel Körperkontakt“.

Der Kontakt und Umgang zweier Körper zum Zwecke der Verständigung mit direktem Gefühl wird kultiviert. Diese praktische Erfahrung ist auch für viele Reiter richtungweisend. Sie lernen, ihr Körper-Gefühl im sehr direkten Umgang mit dem Pferd zu schulen und zu entwickeln. Wie fühlt sich ein fester Muskel an, wie, wenn er sich entspannt. Wie fühlt sich „Widerstand“ an, welche Berührung fördert die Entspannung, welche Druckdosierung löst welche Reaktionen aus? Auf diese und viele andere Fragen findet man im Rahmen der Übungen eine Antwort. In den Übungen werden die Pferde um, über und durch Objekte geführt. Sie lernen, sich auf den Punkt genau mit leichten Impulsen leiten zu lassen und gelassen auf alle möglichen Reize zu reagieren. Sie lernen, präzise anzuhalten, rückwärts zu gehen und Wendungen auszuführen, dabei stets aufmerksam zu sein und den Individualbereich des Führers zu respektieren.

TGT® – Arbeit am Leitseil

Das Arbeiten an der Plane ist Bestandteil der TGT Bodenschule. Foto: BoiselleDas Arbeiten an der Plane ist Bestandteil der TGT Bodenschule. Foto: BoiselleDie Arbeit am Leitseil kann überall durchgeführt werden. Es ist jedoch ratsam, zunächst auf einem kleineren, sicher eingezäunten Reitplatz oder in einem entsprechenden Rondell (Round-pen) von ca. 15 – 20 Metern Durchmesser zu arbeiten. Sie ist die älteste Methode, ein Pferd für seine Aufgabe als Reitpferd vorzubereiten. Traditionell wurde sie in einem kleinen, eingezäunten Platz oder um einen stabilen Pfosten herum ausgeführt. In unterschiedlichen Variationen ist diese Methode von der Antike bis heute überliefert und wurde und wird bei den meisten ursprünglichen Reitervölkern angewendet. Ich empfehle für die Basisarbeit ein etwa 4,5 bis 5 Meter langes Leitseil mit guter Eigenbalance, also weder zu leicht noch zu steif.

Ein Knotenhalfter ist optimal, da es die Seilimpulse fein und differenziert auf den Pferdkopf überträgt und so das Pferd animiert wird, auf die Nuancen der unterschiedlichen Kontaktdruck- und Berührungssituationen zu reagieren. Ein normales Stallhalfter bietet diese differenzierte Signalgebung nicht, kann aber alternativ auch verwendet werden. Mit zunehmender Routine kann man mit gleichen Effekten auch an einem längeren Leitseil arbeiten. Mit dieser Technik lernt das Pferd nach und nach die Verständigung über das „indirekte Gefühl“. Dabei bedarf es dann nicht mehr des direkten Berührungsreizes, sondern die Körperhaltung oder eine Lautäußerung, ein optisches oder akustisches Zeichen also, werden zur Verständigung eingesetzt. In Deutschland sind im Zuge der Natural-Horsemanship-Bewegung und durch einzelne Trainer verschiedene Formen des Arbeitens an einem Leitseil oder gar des freien Arbeitens in einem Round-pen oder einem Longierrund bekannt geworden. Obwohl ich selbst die freie Arbeit im Round-pen beim Anreiten junger Pferde praktiziert habe und im Bedarfsfall praktiziere, empfehle ich diese Methode ungeübten Pferdeleuten nicht weiter. Zu hoch ist das Risiko, dass bei dieser Form der Arbeit Missverständnisse entstehen, die ein Pferd sehr irritieren, verunsichern und nicht selten sogar zu aggressivem Verhalten veranlassen.

Die Arbeit am Leitseil hat außerdem den Vorteil, dass sie überall praktiziert werden kann, ohne dass besondere Reitbahnformen oder -einzäunungen nötig wären.

Anhalten und Wenden auf Distanz ist das Ergebnis der einzelnen TGT Vorübungen. Foto: BoiselleAnhalten und Wenden auf Distanz ist das Ergebnis der einzelnen TGT Vorübungen. Foto: BoiselleDie TGT® Übungen verfolgen nicht den Zweck, ein „Dominanztraining“ zu praktizieren oder gezielt an der „Rangordnung“ zu arbeiten. Doch bei richtiger Umsetzung der Übungen am Leitseile werden Sie automatisch die Rolle des Agierenden übernehmen, und Ihr Pferd wird sich in der Rolle des Reagierenden wiederfinden. Das führt automatisch dazu, dass Sie nach und nach eine kompetente Leitfunktion besetzen, die von Ihrem Pferd dann selbstverständlich akzeptiert wird. Für mich hat die Bodenarbeit den Status eines Kindergartens, einer Vorschule oder zum Teil einer Grundschule, wenn wir den Vergleich zum Schulsystem unserer Kinder heranziehen wollen. Hat ein Pferd diesen Teil durchlaufen und die vermittelten Inhalte verinnerlicht, so wird man im Alltag das Erlernte erhalten und weiterpflegen, während auf dem Lehrplan dann weiterführende Themen stehen und auch erarbeitet werden.

Sollten die Manieren eines Pferdes in fortgeschrittener Ausbildung dennoch einmal schlechter werden, so kann man zur Auffrischung durchaus zeitweilig wieder zur Bodenarbeit zurückkehren. Das gilt auch, wenn ein Reitpferd eine längere Pause hatte und wieder in Dienst genommen werden soll. Wenn Sie mit Ihrem Pferd am Boden arbeiten, so respektieren Sie seine Würde. Machen sie es nicht zum „Hampelmann“; bei dem zieht man an der Strippe, um sich daran zu ergötzen, dass er dann jedes Mal strampelt und springt. Ihr Pferd hat ein feines Gefühl dafür, ob Sie sinnvoll mit ihm arbeiten oder es nur „vorführen“ möchten. Wenn Sie sich in diesem Punkte nicht selbst disziplinieren, dann wird es Sie bald nicht mehr ernst nehmen. Weder vertraut es Ihnen dann noch, noch respektiert es Sie. Letztlich macht es Sie dann zum „Hampelmann“. Vergessen Sie nie: Pferde haben eine Persönlichkeit, und Sie unterscheiden individuell zwischen einzelnen Lebewesen, die in Kontakt zu ihnen stehen. Haben Sie seinen Respekt erst einmal verloren, so ist es sehr schwer, ihn zurückzugewinnen.

Behandeln Sie es aber respektvoll und freundlich-konsequent, so können Sie in der technischen Umsetzung der Übungen durchaus „Fehler“ machen, ohne dass Ihr Pferd Ihnen das übelnimmt. Wenn Sie jedoch unangemessen handeln, wenn sie nicht sinnvoll mit ihm umgehen, dann haben Sie nicht nur die Methode missverstanden, Sie werden auch keine freundliche, vertrauensvolle und harmonische Beziehung zu ihm aufbauen können.

Mit der TGT®-Methode werden grundsätzlich die folgenden Ziele verfolgt: Pferde lernen außer auf den direkten Körperkontakt auch auf die Körpersprache des Menschen zu achten. Sie lernen, dass Verständigung zum einen durch direktes Gefühl, also tatsächliche Berührungen oder Kontakte und zum anderen durch indirektes Gefühl auf Zeichen ohne Berührungen stattfinden kann. Damit wird erreicht, dass sich das Pferd all seiner Sinne zur Verständigung bedient und nicht nur den Tastsinn dafür konditioniert. Das hat den Effekt, dass Pferde sehr viel aufmerksamer, feiner und eigenmotivierter reagieren. Sie lernen die Regelmäßigkeit der Signale und damit deren Bedeutung kennen und verstehen, und sie lernen, die Regeln des Umgangs mit dem Menschen, wie sie als Fohlen die Regeln des Umgangs mit Pferden in der Herde gelernt haben. Das schafft die Vertrauensgrundlage. Sie lernen, dass sie ihre Kraft nicht einsetzen können, um sich den Einflüssen des Menschen zu entziehen, da er ihnen keine Gelegenheit gibt, diese Erfahrung zu machen. Sie lernen, den Individualbereich eines Menschen genau so zu respektieren wie den eines Herdenmitgliedes.

Sie lernen, dass der Mensch auch über eine etwas größere Distanz Einfluss nehmen kann, das steigert den Respekt. Respekt, Vertrauen und Verständigung sind die Voraussetzungen, damit ein Pferd in seiner Rolle als Reitpferd das mentale und körperliche Gleichgewicht wiedererlangt, das es als Jungpferd außerhalb menschlicher Einflüsse ganz natürlich entwickelt hat. In der TGT-Methode werden solche Übungen vermittelt, die auch von weniger erfahrenen Pferdeleuten angewendet werden können. Stets ist bei der Arbeit am Leitseil darauf zu achten, dass der Ausbilder die nötigen Sicherheitsabstände zum Pferd beachtet und sich entsprechend positioniert.

TGT® – Arbeit an der Hand

Bei der Wahl der Hilfsmittel sollte man unbedingt auf die Sicherheit achten: die Objekte sollten weich sein und das Pferd nicht darin hängen bleiben können. Foto: BoiselleBei der Wahl der Hilfsmittel sollte man unbedingt auf die Sicherheit achten: die Objekte sollten weich sein und das Pferd nicht darin hängen bleiben können. Foto: BoiselleDas dritte, wesentliche Element der TGT® Bodenarbeit, die Arbeit an der Hand, verknüpft die beiden vorangegangenen Bereiche noch enger und direkter mit der Arbeit unter dem Reiter. Das Pferd wird mit der Wassertrense gezäumt. Die Signale zum Kopf des Pferdes sollen nun im Maul des Pferdes auf Zunge und Lefzen (Lippen, Mundwinkel), nicht auf die Laden wirken.

Das Verständnis für diese Berührungsreize und eine entsprechende ungezwungene Muskelnachgiebigkeit wird im Stand erarbeitet. In der Bewegung wird mit der Zäumung und einer langen Dressurgerte eingewirkt. Die dient dazu, Berührungskontakte am restlichen Körper zu platzieren. Mit der Gerte wird nur touchiert, nicht geschlagen, nicht gestoßen oder gedroht!

Der Begriff „touchieren“ muss erläutert werden, da der Gebrauch einer Gerte von Reitern individuell in recht großer Variationsbreite praktiziert wird. Einstellung und Dosierung im Gebrauch der Gerte sind von maßgeblicher Bedeutung dafür, wie ein Pferd den Anblick, das Geräusch und die Berührungen mit einer Gerte interpretiert.

Die drei wichtigen Horsemanship-Tugenden: Ruhe – Angemessenheit – Konsequenz müssen bei dieser Arbeit besonders sorgfältig in der Praxis berücksichtigt werden, damit das Pferd die Interaktionen als Mittel der Verständigung begreift und es sein Vertrauen und seine innere Gelassenheit nicht verliert.

Touchieren bedeutet „berühren, anrühren, streifen“ – und genau so soll die Gerte eingesetzt werden: wir wollen den Tastsinn des Pferdes ansprechen, ihm keine Schmerzen zufügen.

Vom Reflexiven zum Kognitiven: Bei der Arbeit an der Hand mit Touchiergerte, lernt das Pferd seine Körperteile bewusst zu bewegen. Foto: BoiselleVom Reflexiven zum Kognitiven: Bei der Arbeit an der Hand mit Touchiergerte, lernt das Pferd seine Körperteile bewusst zu bewegen. Foto: BoiselleWenn Sie mit der Gerte das Pferd berühren, wie Sie mit einem Teelöffel vorsichtig an ein Glas klopfen würden, um vor einer Rede die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft zu erlangen, oder wenn Sie sich vorstellen, Sie klopfen behutsam an eine Tür, hinter der Sie einen Schlafenden vermuten, den Sie nicht abrupt wecken möchten, dann sind Sie auf dem Weg, das richtige Maß zu finden.

Ebenso vorsichtig und gefühlvoll dosierend sollten sie mit dem Trensengebiss im Maul den Kontakt pflegen. Während der Arbeit an der Hand üben Sie das gefühlvolle Zusammenwirken antreibender, aktivierender und begrenzend, verhaltender  Hilfengebung. Das Pferd wird für sanfte, freundliche Schenkeleinwirkungen aus dem Sattel vorbereitet und lernt, die Signale des Gebisses zu verstehen, ohne sich zu stützen oder gar dagegen zu wehren.

Es lernt, sich im „Rahmen“ der Kontakte zu bewegen, sich auf diese Weise leiten zu lassen, einzelne Beine zu bewegen und sich in Haltung und Positionierung an den Wünschen des Menschen zu orientieren.

Es lernt, die Idee des Menschen zu seiner eigenen zu machen, und der Mensche lernt, seine Ideen so zu übermitteln, dass ein Pferd sie verstehen und zu seinen Ideen machen kann. Lassen Sie Ihr Pferd im Schritt auf gebogenen und geraden Linien in kurzen Intervallen einige Schritte seitwärts treten. Damit legen Sie die Grundlagen für die spätere Biegeübungen, Reiten auf zwei Hufschlägen und die Seitengänge.

Durch die vielfältigen Übungen der Arbeit an der Hand legen Sie beim Pferd den Grundstein für feine und feinste Reaktionen unter dem Reiter, und Sie selbst lernen, das richtige Maß der Einwirkungen vom Boden aus schon mal zu üben und sich selbst dafür zu sensibilisieren, wie fein die „Hilfen“ sein können und eigentlich auch sein sollten.

Diese Arbeit an der Hand erfüllt im Rahmen der TGT®-Methode die Funktion eines Sensibilisierungsprogramms für Pferd und Reiter. Gleichzeitig verbessern sich durch die Übungen die Losgelassenheit und die Koordinationsfähigkeit des Pferdes.

Das Instinktverhalten modifizieren (Desensibilisierung) – TGT®-Schreck-Parcours

Der vierte und letzte Schwerpunkt der Bodenarbeit sollte nur unter kompetenter Anleitung oder von sehr erfahrenen Pferdeleuten erarbeitet werden. Absolute Voraussetzung ist ein gefestigtes Zusammenspiel zwischen Mensch und Pferd in den drei Vorübungen. Übungen zur Desensibilisierung können bei manchen Pferden zu zeitweiligen Spannungs- und Stress-Situationen führen, da sie das Instinktverhalten eines Pferdes deutlich aktivieren und dann modifizieren sollen. Dieser Übungsbereich kann nur zum gewünschten Lerneffekt beim Pferd führen, wenn es dem Ausbilder gelingt, durch umsichtiges und angemessenes Handeln stets die grundsätzliche Kontrolle über die Situation zu behalten, auch wenn es zeitweilig zu unkontrollierten Bewegungen oder Reaktionen des Pferdes kommt.

Ich muss an dieser Stelle also an das Verantwortungsbewusstsein meiner Leserinnen und Leser appellieren und vor zu großer Experimentierfreude oder gar Selbstüberschätzung in diesem Punkt warnen. Anders als alle anderen Übungen vom Boden oder vom Sattel aus, können unzulängliche oder falsche Desensibilisierungsversuche beim Pferd zu Fehlverhaltensmustern führen oder es sogar traumatisieren. Auch ansonsten ruhige Pferde können plötzlich zu extremen Reaktionen neigen. Unerfahrene sollten sich mit diesem Thema deshalb nur unter Anleitung durch einen erfahrenen Ausbilder beschäftigen. Richtig angewendet, ist die Desensibilisierung eine dosierte und systematische Reizvermittlung.

Dabei lernt das Pferd, optische, akustische oder Berührungsreize sowie Gerüche in unterschiedlicher Anordnung und Dosierung gezielt mit steigender Tendenz zu akzeptieren. Die Lernsituationen führen zur bewussten Auseinandersetzung mit den zunächst Furcht auslösenden Einflüssen unter kontrollierter Anleitung durch den Trainer. Die Situationen müssen individuell gestaltet werden, und die Lernfortschritte können von Pferd zu Pferd sehr unterschiedlich sein.

Die einfachste Form der Desensibilisierung ist das Abstreifen mit einer in der Hand zusammengeknüllten Plastikfolie in der Art und Weise, wie man ein Pferd vom Kopf über den Rumpf bis zur Hinterhand putzen würde. Akzeptiert es das von beiden Seiten, so würde man die Folie eventuell auf Handtuchgröße auseinanderfalten und wieder die Prozedur wiederholen. Dabei ist es wichtig, stets behutsam, aber konsequent den Reiz aufrechtzuerhalten, bis das Pferd absolut zum Stillstand gekommen ist, ruhig atmet und locker werdende Muskelreaktionen zeigt.

Anders als Gewöhnungsübungen, die maximal zu einer zeitweiligen Toleranz solcher Situationen führen würden, erreicht man durch systematischen Desensibilisierung eine weitreichende Akzeptanz in jeder Situation, und das Selbstvertrauen eines Pferdes wird dadurch systematisch gestärkt. Man kann auf diese Weise einem Pferd systematisch Rituale zu einem bewussten, kontrollierten Problemmanagement mit gestärktem Selbstbewußtsein vermitteln. Dabei wird es die Erfahrungen und die aus den Lernsituationen resultierenden Erkenntnisse ins Alltagsleben übertragen und mit größerer Gelassenheit, Aufmerksamkeit und williger Mitarbeitsbereitschaft in gefährlichen oder irritierenden Situationen an der Hand oder unter dem Reiter reagieren.

Diese Form der Erziehungsarbeit ist für Freizeitpferde ganz besonders wichtig. Doch Freizeitreiter können sie nur bedingt und unter sachkundiger Anleitung einem Pferd vermitteln. Wer sich nicht absolut sicher ist, dass er alle Voraussetzungen aufweist, die für eine korrekte Umsetzung dieser anspruchsvollen Übungen nötig sind, der sollte besser darauf verzichten. Denken Sie daran, ein wichtiges Prinzip der TGT®-Methode ist es, dass Pferd und Ausbilder/Reiter sich nur mit solchen Aufgaben befassen, die sie relativ leicht und vor allem korrekt und sicher ausführen können.

TGT®-Bodenarbeit als Basis für feines Reiten

Die Bodenarbeit der TGT®Methode mit ihren vier Basis-Schwerpunkten kann reitweisenübergreifend und für alle Pferderassen praktiziert werden, und sie kann Reitern aller Reitweisen oder -stile nützen. Sie ist nicht Selbstzweck, sondern soll Mensch und Pferd auf ihre Rolle als Reiter und Reitpferd vorbereiten. Es sind keine besonderen Trainingsvoraussetzungen wie Round-pen oder Ähnliches nötig. Die notwendige Standard-Ausrüstung: Stallhalfter, Führseil und evtentuell Führkette, Knotenhalfter und Leitseil ca. 4,5 m lang, Wassertrense mit Zügeln und längere Dressurgerte.

Alle Übungen sind möglichst simpel und zweckmäßig gehalten und auf das Wesentliche reduziert. Das Ziel ist, zu einer kraftfreien Verständigung am Boden zu einer ebensolchen an feinen Hilfen unter dem Reiter zu gelangen. Am Anfang steht schon bei den ersten Nachgiebigkeitsübungen im Führtraining das Erreichen der Leichtigkeit auf einfachem Niveau im alltäglichen Umgang.

Bei der Wahl der Hilfsmittel sollte man unbedingt auf die Sicherheit achten: die Objekte sollten weich sein und das Pferd nicht darin hängen bleiben können. Foto: BoiselleBei der Wahl der Hilfsmittel sollte man unbedingt auf die Sicherheit achten: die Objekte sollten weich sein und das Pferd nicht darin hängen bleiben können. Foto: BoiselleKontinuierlich zieht sich dieses Prinzip durch alle weiteren Phasen der Arbeit und ist letztlich das Ziel auch unter dem Reiter: das Reiten an leichten Hilfen, die Leichtigkeit auf hohem Niveau. In gezielten, interaktiven Übungen lernen Pferd und Mensch miteinander und voneinander: eine universelle, eindeutige Verständigungsgrundlage durch systematische Körpersprache (Haltung, Positionierung, Gestik) sowie akustische und Berührungsreize, die auf der reiterlichen Ebene ohne Abänderung übernommen werden können. Neue Verhaltensmuster (Pferd – Freizeitpartner, Reitpferd, Mensch -- Pferdemensch, Reiter) im Rahmen zweckmäßiger Lernsituationen durch Erfahrung und Erkenntnis, ihre Balance, Losgelassenheit, Körperkoordination sowie ihr Körper- und Bewegungsgefühl zu verbessern, durch Verständnis gegenseitig Respekt und Vertrauen weiterzuentwickeln und zur inneren Gelassenheit zu gelangen; Rituale zur Problembewältigung, Furcht-, Angst-, Schreck-, und Flucht-Reaktionen mit Selbstvertrauen gelassen und sicher zu bewältigen.


Dabei werden komplexe Bewegungsmuster systematisch in Bewegungsketten und Bewegungsglieder „heruntergebrochen“, so

wird an der Verbesserung der

bewussten Koordination von Einzelfunktionen;
Flexibilität;
Balance;
Anspannung;
Sicherheit;
Körperkontrolle und Leichtigkeit

gearbeitet.

 

Die TGT® Bodenarbeit schafft wichtige Voraussetzungen und Grundlagen für die zukünftige Beziehung zwischen Reiter und Reitpferd.