Kolikfrei durch Futterumstellung

 

Liebe sollte durch den Magen gehen

Mangelnde Leistungsbereitschaft, schlechte Huf- und Fellsubstanz und Koliken sind häufig die Folge fehlerhafter Ernährung. Doch wovon braucht Ihr Vierbeiner mehr, wovon weniger? Eine individuelle Beratung durch einen Futterexperten ist sinnvoll, eine Änderung des Speiseplans Ihres Pferdes oft unvermeidlich. Anhand der Vollblut-Kolikpatientin testete Rika Schneider für Sie, welche Auswirkungen eine Futterumstellung auf ein Pferd haben kann.

Unterhalb der hervortretenden Rippen wölbt sich der Bauch der zwölfjährigen Vollblutstute nach außen. Ihr Fell ist stumpf und ihre Hufe muss der Schmied wegen starker Brüchigkeit und schlechtem Wachstum mit Samthandschuhen behandeln. Für die Lösungsphasen auf dem Reitplatz benötigt die Fuchsstute einige Extrarunden und der Reiter eine zusätzliche Portion Geduld. „Vollblüter sind nun mal schlanker und nervöser als andere Rassen, und da Dragam einen dicken Bauch hat, ist sie auf keinen Fall zu dünn“, argumentieren Reiterkollegen, wenn es im heimatlichen Reitstall zu Fütterungs-Diskussionen kommt. Was für den Fachmann leicht zu erkennen ist, bleibt vielen Pferdebesitzern verborgen: Dem Pferd fehlt die richtige Ernährung, die in den meisten Fällen eng mit den Haltungsbedingungen verknüpft ist.

„Die Stute ist doch den ganzen Tag draußen, wird regelmäßig geritten und bekommt genügend Futter – ist das nicht schon mehr, als man tun kann?“
Ist es nicht. Um das Herdentier Pferd, das sich in der Natur andauernd grasend fortbewegt, artgerecht zu halten und zu ernähren, bedarf es einiger fachlicher Informationen: Die Ernährungsphysiologie, die wie andere Wissenschaften auch mit Fakten und Daten Nährstoffe durch chemisch-analytische Darstellungen ermittelt, wird nicht immer jedem Tier gerecht: Die besondere Wirkung einzelner Nahrungsmittel auf das Pferd sowie dessen individueller Stoffwechsel müssen zusätzlich berücksichtigt werden. Dr. Dorothee Meyer, Gründerin der Tierernährungs-Firma Iwest, hat sich auf die Ermittlung individueller Fütterungspläne spezialisiert. „Pferde unterscheiden sich nicht nur in Farbe und Gebäude, sondern auch in ihren inneren Organen. Aus diesem Grund können zwei Pferde ganz unterschiedlich auf das selbe Futter reagieren“, erklärt die Tierärztin.

Haltungsbedingungen optimieren

Der bisherige Speiseplan der Vollblutstute Dragam, die immer wieder an Koliken und Darmkrämpfen litt, deckte anhand eines ausgefüllten Fragebogens der Beratungsfirma starke Mängel auf. Ihr ausgewölbter Bauch, eine Folge von vermehrtem Strohfressen oder ein Hinweis auf vermehrte Gärungszustände im Darmbereich, war genauso Indikator für die nicht ausgewogene Ernährung wie ihr Holznagen am Balken oder Erdefressen auf dem Paddock. Holz und Erde werden als Puffersubstanz für eine gestörte Darmfunktion verwendet.

Im Sommer sorgen die Weiden für Dragams regelmäßige Nahrungsaufnahme, im Winter jedoch bleibt sie mit 30 Pferden auf einem großen Auslauf – den ganzen Tag lang ohne Raufutter. Die Haltung mit vielen Pferden auf einer großen Fläche, auf der sie rennen, toben und soziale Rangordnungen klären können, ist lobenswert, der lange Tag ohne Heu allerdings zu bemängeln. „Lassen Sie ihr Pferd nicht länger als maximal fünf Stunden am Stück ohne Heu,“ empfiehlt die Futterexpertin. „Dieses Raufutter sichert nämlich den Elektrolythaushalt Ihres Pferdes und hält dessen Darmflora fit. Zudem kann ein Auslauf ohne Raufutter das unerwünschte Fressen von Erde und Pferdekot fördern.“ Alternativ können Sie Ihr Pferd mittags zum Heufressen in die Box bringen oder bringen lassen. Im besten Fall organisieren Sie sich aber einen eigenen Auslauf, indem Ihr Pferd unentwegt mümmeln kann. Heu beinhaltet Zellulose und ist deshalb für Pferde viel leichter zu verdauen als das ligninhaltige Stroh. Bei zu wenig Rohfaser aus Heu werden Darmmikroben zurückgedrängt. Koliken, lange Lösungsphasen und Rückenprobleme können die Folgen von dem dann übermäßigen Strohverzehr sein. Der sogenannte „Heubauch“ – den Dragam monatelang mit sich herumtrug – kommt übrigens nicht vom Heu, sondern vom Stroh. Durch den hohen Energiegehalt macht vermehrte Heuaufnahme vielleicht rund, aber keineswegs nur dick am Bauch.

Krank durch mangelnde Ernährung

Eine gesunde Ernährung der Test-Stute scheiterte durch den Mangel an Heu, Biotin und Zink. Der Energie- und verdauliche Rohprotein-Gehalt in ihrer Kraftfutterration war zu niedrig und bei den Spurenelementen und Mineralstoffen wurde eine Unterversorgung bei Phosphor, Magnesium, Eisen, Mangan, Zink, Kupfer, Jod und Selen festgestellt. Der Bedarf der Freizeitstute an Vitamin E, C, K, B1, B2. B6, B12, Nikotinsäure, Pantothensäure und Folsäure konnte mit dem alten Futterplan nicht gedeckt werden. Ein erschreckendes Ergebnis, denkt man doch, sich gut um sein Pferd gekümmert zu haben. Nur die häufigen Koliken signalisierten offensichtlich, dass vielleicht doch nicht alles im Lot ist.

Der neue Diätplan: Hafer pur

Mißtrauisch beäugt von vor Hafer warnenden Reitersleuten, kostete es vorerst Überwindung, die Stute vom haferfreien Kraftfutter auf „nur“ zwei Kilo Hafer am Tag umzustellen. Peu a peu bekam die Stute, die das Getreide genauso gerne verzehrte wie ihr Müsli, jeden Tag eine kleine Hand Hafer mehr. Nach zwei Wochen war sie komplett auf ihrem neuen Fütterungs-Kurs und wieder Erwartend wurde sie weder grell noch hektisch. Täglicher Auslauf mit Artgenossen auf der Wiese oder dem Paddock und Reiten im Gelände oder in der Bahn ließen bei der Stute keine überflüssigen Energien aufkommen.
Dragams tägliche Heuration wurde von vier Kilogramm auf acht erhöht – und diese verputzt sie auch locker. Da im Winter in Dragams Reitstall Fütterung auf dem Auslauf nicht möglich ist, wird sie nur von 11.30 bis 16:00 rausgestellt, da ein Pferd nur maximal fünf Stunden am Stück ohne Raufutter sein sollte. Noch besser wäre es, wenn Sie vormittags und nachmittags jeweils drei bis vier Stunden draußen sein könnte und sonst mit Heu in der Box. Optimal wäre ihre Haltung dann bei ganztägiger Heufütterung auf dem Auslauf.

Fazit: Langfristig geheilt

Sechs Monate sind vergangen und die Stute krampfte nicht ein einziges Mal im Darmbereich oder erlitt eine Kolik. „Koliken sind häufig Ausdruck einer Darmerkrankung und können in 99 Prozent aller Fälle durch eine Futterumstellung vermieden werden. Durch zuviel schwer verdauliches Stroh bilden sich dicke Strohknäule im Darm, die, in schweren Fällen, nur operativ entfernt werden können – eine ausreichende Versorgung mit Heu ist unabdingbar“, erwähnt Futterberaterin Dr. Meyer noch mal. Nun kehrte der Sommer ein, Dragam steht zusätzlich auf Gras und ist rundum fit und gesund. Ihr Fell glänzt, ihre Leistungsbereitschaft ist gut und energiervoll meistert Sie reiterliche Anforderungen. Nur ihre Hufe, die noch immer brüchig und trocken sind, benötigen sechs weitere Monate, um von der Ernährungsumstellung positiv beeinflusst zu werden – sie müssen einmal ganz rauswachsen.

Die Ernährung, wie bei dieser Stute umzustellen, bedeutet nicht nur neues Futter zu kaufen oder beim Stallbesitzer zu bestellen, sondern auch diese Umstellung gegenüber Dritten zu rechtfertigen. Wichtig ist nicht, was die Nachbarn raten oder vielleicht denken, sondern das, was ihr Pferd benötigt. Einzig und allein die Gesundheit ihres Vierbeiners sollte zählen. Domestizierte Pferde sind uns ausgeliefert, sie können sich nicht selbst ernähren. Somit sollte jeder Pferdebesitzer verantwortlich mit seinem Tier umgehen, es artgerecht bewegen, halten und füttern.


 

Der Patient (hier vor der Futterumstzellung):

• Alter: 12 Jahre
• Rasse: Englisches Vollblut
• Geschlecht: Stute
• Gewicht: 458 Kilogramm
• Belastung: allgemeiner Einsatz, mittlere Belastung
• Tagesmenü vorher / nachher

Vorher: Futterplan pro Tag
Stroh als Einstreu
Wiesenheu 1. Schnitt: 3 bis 4 Kilogramm
haferfreies Kraftfutter (Dinkel, Gerste, Mais, Zuckerrübenmelasse etc.) 1,15 Kilogramm
Kräuter-Müsli: 560 Gramm

Nachher: Futterplan pro Tag
Wiesenheu 1. Schnitt 8 Kilo
Hafer 2,5 Kilo
Magnolythe S100 50 Gramm

Die Vollblutstute ein halbes Jahr nach der Futterumstellung

Fachliche und individuelle Fütterungsberatung:
Dr. med. vet. Dorothe Meyer
Tierärztin und Mikrobiologin I 82383 Hohenpeißenberg Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! I www.iwest.de

Tipps zur Durchführung

Was tun, wenn der Stallbesitzer nicht mitmachen will?
• Acht Kilo Heu sind in ihrer Stallmiete nicht enthalten? Fragen Sie Ihren Stall-Betreiber, ob er gegen Aufpreis mehr füttern würde.
• Erklärt der Inhaber sich nicht bereit dazu, kann er ihnen vielleicht einen Lagerplatz zur Verfügung stellen. Hier können Sie Ihr selbst erworbenes Heu lagern.
• Bereiten Sie ein Heunetz vor, das der Futtermeister morgens oder abends bloß in die Box hängen muss.
• Wichtig: Ihr Pferd sollte nicht länger als vier bis fünf Stunden ohne Raufutter auf dem Auslauf stehen. Stellen sie also vor allen in der Wintersaison sicher, dass Ihr Pferd Heu auf dem Paddock erhält oder wieder rechtzeitig in die Box kommt.

Tipps zur Futterreduzierung während der Weidezeit:

Ziehen Sie der Futterration Ihres Pferdes 300 Gramm Hafer und 500 Gramm Heu pro Weidestunde ab. So vermeiden Sie Überfütterung.
Tipp Kot-Kontrolle:
Gut: dunkelgrüne Pferdeäpfel.
Schlecht: braungelber Pferdekot (zu wenig Heu). Zur Weidesaison funktioniert diese Kontrolle allerdings nicht: Schon geringe Mengen Gras färben die Pferdeäpfel grün.
Tipps zur Heuwahl: Das Heu sollte blattreich, hygienisch einwandfrei und Mitte bis Ende der Blüte geschnitten werden. Wegen seinem hohen Ligninanteil sollte weit nach der Blüte geschnittenes Heu gemieden werden.

INFOKASTEN

Dr. Dorothe Meyer

Die Tierärztin und Fütterungsexpertin Dr. Dorothe Meyer hat sich ausgiebig und fachlich mit dem Thema Fütterung von Pferden auseinandergesetzt.

• Infos: Dr. Dorothee Meyer, www.iwest.de

 

 

 

 




Text & Fotos: Rika Schneider



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