Gut kombiniert - stressfrei in der Herde


Gruppenhaltung optimieren & Streit vermeiden


 
 
 
 
Kaputte Zäune, Verletzungen, Koliken und mental gestresste Pferde können das Ergebnis falsch organisierter Herdenhaltung sein. Pferde sollten unbedingt mit Artgenossen zusammen sein – dies ist artgerecht. Allerdings nur dann, wenn die Gruppe gut miteinander harmoniert. Pferde sind äußerst sensibel und genauso sollte auch eine Herde zusammengestellt werden. Wie man Probleme löst, neue Pferde in eine bestehende Herde integriert und welche äußeren Umstände man bei der Haltung von Pferden beachten sollte, lesen Sie hier.


Stress auf dem Paddock, der Weide, mit dem Boxennachbarn oder den Pferden auf der Wiese gegenüber – Pferde benötigen ein ausgeglichenes, harmonisches Umfeld, um gesund und leistungsstark zu sein. Eine gleich bleibende Herde stabilisiert und stärkt ein Pferd genauso, wie ein Mensch, der immer klar und beständig mit dem Pferd umgeht. Häufiger Stallwechsel, zu kleine Ausläufe, hohe Fluktuation und schlecht zusammengestellte Gruppen mit Unruhestiftern sind gravierende Problemfaktoren bei der Herdenhaltung. Und jedes einzelne Pferd verarbeitet diese anders: Koliken, Tritt- oder Bissverletzungen, Husten, Pilz – gesundheitliche Probleme aller Art –, Verhaltensänderungen wie Unausgeglichenheit unterm Sattel oder an der Hand, Aggressivität, Gewichtsverlust oder Mattigkeit.

„Pferde kann man nicht willkürlich zusammenwürfeln und auf einen Auslauf stellen“, warnt Jochen Schumacher, Leiter des FS Reitzentrums Reken. Er ist Profi in Sachen Offenstall und ihm ist eines klar: „es gibt kein Patentrezept für eine harmonische Gruppenhaltung“. Individualität ist hier gefragt. Immer wieder muss geschaut, ausprobiert und angeglichen werden, denn jedes Pferd ist anders. „Die Lösung kann sein, zwei Pferde raus zu nehmen und später wieder zu integrieren, den Offenstall umzubauen, mehr Heuraufen zu platzieren, die Pferde in andere Gruppen aufzuteilen oder den Reinhol- Rhytmus zu verändern“, erklärt der Haltungsexperte die Herausforderung an ernsthafte Pferdehalter.


Folgende Punkte können helfen, eine harmonische Herde zusammenzubringen.

Wenn’s Stress gibt

Ist ein Pferd unglücklich in der Herde, muss eine Lösung her. „Es kann sein,dass Sie Ihr Pferd erst einmal nur mit einem Pferd aus dieser Herde zusammen rausstellen“, schlägt Schumacher vor. „Sind diese dann gute Freunde, können Sie es noch einmal in der Herde ausprobieren. Manchmal beschützt der neue Freund dann seinen Partner und integriert ihn so besser in die Herde. Klappt dies aber nicht, muss im schlimmsten Fall eine neue oder kleinere Herde für Ihr Pferd gefunden werden.“ Es ist zu unterscheiden, ob das Pferd unglücklich ist, obwohl sich die Gruppe recht friedlich verhält oder ob vielleicht eines der anderen Pferde so dominant ist, dass Ihres leidet. Vielleicht wäre es da auch sinnvoll, nicht das gestresste Pferd auszusondern, sondern den Unruhestifter.

Kommt ein Pferd neu in die Herde, tritt, beißt und weist die anderen Pferde hart zurecht, kann die Ursache dafür in dessen Aufzucht liegen: „Häufig findet man den Grund für so ein Verhalten in den Jugendjahren des Tieres“, erklärt Problempferde- und Horsemanship-Ausbilder Bernd Hackl. „Pferde, die nicht mit anderen Mutterstuten und Fohlen auf der Weide standen und als Jungpferde nicht mit anderen Youngstern auf einer Weide liefen, zeigen im Erwachsenenalter häufig Schwierigkeiten beim Umgang mit Artgenossen. Verbringen sie dann ihre Jahre als Reitpferd auch noch in Einzelhaft und sollen nun plötzlich in eine große Gruppe, sind sie mit der neuen Situation überfordert. In so einem Fall stelle ich das Pferd vorerst in die Box neben dem ranghöchsten Wallach aus der Herde. Kennen sich die Tiere von der Nachbarbox her, lasse ich sie zusammen auf eine Weide oder einen Auslauf – für vielleicht eine Woche. Ist das kein Problem und vertragen sich die zwei, kommen sie gemeinsam in die Herde. Bei sehr charakterstarken Pferden oder bei Wallachen, die schon gedeckt haben, spät gelegt wurden und ein ausgeprägtes Hengstverhalten haben, stelle ich − nach der Zusammenführung mit dem ranghöchsten Tier − auch das Pferd dazu, was den zweiten Rang in der Herde einnimmt. Allerdings nur für ein paar Stunden, dann kommen alle drei in die Herde“, erläutert Hackl den Ablauf für Neulinge. „Kann der Neue sich allerdings gar nicht einleben und tritt, beißt und jagt die anderen, wird er aus der Herde genommen. Er kann dann in einer kleinen Gruppe oder nur zu zweit auf einen separaten Auslauf Ruhe finden.

Im FS Reitzentrum Reken werden neue Pferde auch nicht direkt in die Herde gelassen. „Wir stellen das neue Pferd erst einmal auf die Nachbarweide“, erläutert Jochen Schumacher. „Hier kann es seine neue Umgebung kennen lernen und die anderen Pferde über den Zaun beschnuppern. Wichtig: Ein guter, stabiler und sicherer Zaun, Verletzungen durch Drähte sollten unbedingt vermieden werden.


Zwei Stuten für einen Wallach

In seinem Trainings- und Pensionsbetrieb achtet Ausbilder Hackl darauf, dass grundsätzlich immer Zweier-, Vierer-, Sechsergruppen und so weiter zusammen stehen. „Ich würde die Herden grundsätzlich nicht zu groß werden lassen. Zehn bis fünfzehn Tiere halte ich für angemessen, mehr als 30 sollten es nicht sein, da zuviel Unruhe aufkommen kann. Vor allem, wenn dann mal Neue dazu kommen oder welche gehen. Aber auch zu kleine Gruppen sorgen für Turbolenzen“, erläutert der Süddeutsche. „Trennt man Wallache und Stuten ist das weniger artgerecht, die Stuten langweilen sich oft und sind häufig streitsüchtiger. Bei einer ungünstigen Anzahl von Stuten und Wallachen ist dies aber häufig eine gute Entscheidung: Denn sind weniger Stuten als Wallache auf einem Gemeinschaftsauslauf streiten sich die ‚Jungs’ um die ‚Mädels’. Auf einen Wallache sollten deshalb zwei Stuten oder mehr kommen, um den Frieden zu wahren.“


Ruhe reinbringen

Fell kraulen, in der Sonne dösen, zusammen buckeln, die Fliegen von Nachbars Schweif verscheuchen lassen oder mal genüsslich neben dem Kumpel ein Nickerchen im Sand machen – Ruhe und Vertrauen ist es, was eine gesunde Herde benötigt. ‚Giften’, Freunde abschirmen, mal treten, beißen oder quieken – all das ist natürliches Pferdeverhalten und in einer intakten Gruppe gehört auch das dazu. Es sollte also nicht überbewertet werden, wenn das Pferd mal eine kleine Schramme hat. Aber es sollte auch nicht ausarten und permanenter Stress für alle oder auch nur für ein Pferd auftreten. „Aus diesem Grund ist eine individuelle Betrachtungsweise so wichtig“, fährt Schumacher fort.

Folgende Maßnahmen helfen, Ruhe in die Herde zu bringen:

Auslauf oder Weide sollten so groß sein, dass die Pferde sich immer ausweichen können, enge Durchgänge und ‚spitze Ecken’ vermeiden.

  1. Stuten und Wallache räumlich trennen
  2. Fluktuation auf den Ausläufen und Weiden unbedingt so niedrig wie möglich halten
  3. Wird auf dem Auslauf Raufutter gefüttert, dann am besten runde Raufen verwenden, an denen auch das rangniedrigste Tier zu fressen bekommt. Eine satte Weide wäre für eine neue Gruppe optimal.
  4. Wird Heu in Haufen gefüttert, sollten diese ruhig drei bis fünf Meter auseinander liegen und mindestens zwei Haufen mehr ausliegen, als Pferde in der Gruppe sind. Legen Sie die Heustapel wenn möglich aus, bevor die Pferde in den Auslauf kommen.
  5. Dominante Pferde, die andere Pferde unentwegt jagen, äußerst aggressiv treten und beißen, sollten aus der Herde genommen werden und auf einen separaten Auslauf in eine kleine Gruppe gestellt werden.
  6. Bei Offenstallhaltung sollte Rücksicht auf die unterschiedlichen Rassen genommen werden: die Pferde orientieren sich immer aneinander. Stehen vier ‚robuste’ Pferde wie Isländer oder Norweger draußen im Regen, wird sich der bis dato immer eingedeckte Vollblüter dazu stellen, obwohl er zu kalt und nass ist und unter dem Dach besser aufgehoben wäre. Er wird die Herde immer dem Alleinsein vorziehen. Die Haut mancher hoch im Blut stehenden Pferde reagiert häufig empfindlicher auf Witterung als die der Robustpferderassen. Sie nehmen bei kalt-nassem Wetter schneller ab. Hier kann man sich mit einer guten Regendecke behelfen oder eine Gruppe finden, die auch gerne im Unterstand steht und frisst. Wird das Pferd zu dünn ist es sogar sinnvoller das Pferd nachts in die Box zu stellen.


Was Boxenhaltung anrichten kann

Eine harmonische Gruppe im Offenstall ist sicher optimal, doch nicht jeder Pferdebesitzer kann seinem Pferd das ermöglichen. Bei dem Thema Boxenhaltung ist auch wieder individuell zu betrachten, wie lange die Pferde rauskommen und wie die Stallungen angelegt sind. Sind die Stalldecken hoch und luftig, gibt es großflächige Luftzufuhr, ist die Einstreu trocken, weitestgehend staubfrei oder ist der Stall komplett geschlossen und das Stroh schimmelig? Kommen die Pferde neun Stunden am Tag mit Kumpels auf den Auslauf oder bloß 30 Minuten in die Führanlage? Die Unterschiede können immens sein. Die reine Boxenhaltung geht gegen die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes, sich unentwegt zu bewegen. Dr. Dorothee Meyer erläutert, warum dies so ist: „Pferde haben keinen Schutz gegen alles, was sich in stehender Luft, also in schlecht belüfteten Stallungen, ansammelt, da dies in der Natur nicht vorkommt: dauerhaftes erhöhtes Aufkommen von Schadgasen, Staub und Krankheitserregern, Parasiten sowie gegen Zugluft“, erläutert die Tierärztin und Fütterungsexpertin. „Bei Matratzenstreu entstehen zum Beispiel Ammoniakdämpfe, die das empfindliche Lungengewebe der Pferde angreifen und es langfristig zerstören. Lungengewebe vernarbt und kann sich nicht wieder erneuern. Ebenfalls in der ‚Matratze’ bei Luftabschluss entsteht Schwefelwasserstoff, das die roten Blutkörperchen verändert und damit den Sauerstofftransport hemmt. Beides ist als Anti-Fitmacher für Pferde zu bewerten. Jeder kennt auch Heustauballergien, chronische Bronchitis bis hin zur Dämpfigkeit“, schließt Meyer ab. Frische Luft und möglichst 24 Stunden Bewegungsmöglichkeit wäre wünschenswert. Dies aber nur, wenn die Gruppe miteinander harmoniert und kein Pferd alleine im Regen stehen muss, permanent traktiert oder ausgegliedert wird.


Kompromisse für Einstaller

Sich den optimalen Offenstall am Haus bauen können – das ist sicher wünschenswert. Doch nicht jeder Pferdebesitzer hat die Möglichkeit dazu und so macht er in einem Einstallerbetrieb täglich Kompromisse und Abstriche. Jochen Schumacher würde zum Wohle des Pferdes allerdings nur sehr kleine Kompromisse eingehen: „Wenn ich darüber nachdenke, wie viel Geld Pferdebesitzer für haltungsbedingt kranke Pferde ausgeben (Husten etc.), dann ist es manchmal günstiger in einen Stall zu wechseln, in dem die Haltung besser ist. Nicht nur bleibt das Pferd gesünder, auch mental ist es in einem luftigen und hellen Stall fitter“, beschreibt der Experte seine jahrelangen Beobachtungen. Sprechen Sie mit Ihrem Stallbetreiber und seien Sie geduldig, denn es kann einige Zeit dauern bis sich etwas ändert. Dass ein Bauer nicht von heute auf morgen aus seinem reinen Boxenstall einen Offenstall machen kann, sollte Ihnen klar sein. Aber vielleicht baut er schon mal einen Winterauslauf, auf dem Pferde stundenweise toben können. Im nächsten Jahr baut er dann vielleicht einen größeren für eine Gruppe etc. Man kann die Einstellung vieler Betreiber nicht einfach umstellen, aber man kann daran arbeiten. „Ist der Stall aber sehr schlecht, gesundheitsschädlich für Ihr Pferd, muss es isoliert stehen und ist auch keine Besserung der Stallbedingungen in Sicht, sollten Sie sich nach einer neuen Heimat mit artgerechter Haltung umsehen "Ihr Pferd bleibt länger gesund und Sie haben mehr Freude an ihrem Hobby."

Herdenhaltung funktioniert nur, wenn man mit Sinn und Verstand an die Sache herangeht. Pferde einfach irgendwie auf die Weide zu stellen, kann für die Tiere viel Stress bedeuten und zu dem erhöht es das Verletzungsrisiko.

Text & Fotos: Rika Kreinberg

INFOKASTEN

FS-Reitzentrum Reken

Gegründet von Ursula Bruns, „Pionierin der Freizeitreiterei in Deutschland“, ist das FS-Reitzentrum Reken heute eine anerkannte FN-Reitschule, geleitet von Jochen Schumacher. Spezialisiert als pferdefreundliche Schule für Reiter mit besonderen Ansprüchen, steht der Fünf-Sterne LAG-Stall für artgerechte Haltung und vielseitige Ausbildung auf zuverlässigen Schulpferden. Das Zentrum wurde von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) als erste Reitschule Deutschlands für Breitensport ausgezeichnet.

• Infos: FS Reit-Zentrum Reken, www.fs-reitzentrum.de


Ausbilder Bernd Hackl

• Infos: Trainingsstall Leuthenmühle, Bernd und Sabine Hackl, 94239 Ruhmannsfelden, www.berndhackl.de 

 

 

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