Reiten - eine Charakterfrage

 

Eine ganz persönliche Sache: Reiten

Persönlichkeitsentwicklung für Reiter spielt in der Ausbildung von Pferden eine große Rolle. Lehrer und Schüler der unterschiedlichsten Reitweisen machen sich immer mehr Gedanken darum, gestalten ihren Unterricht danach oder üben ihrem Typ entsprechend. Wie beeinflussen wir mit unseren Eigenschaften die Kommunikation mit unseren Pferden? Ausbilder erläutern, wie die bewusste Wahrnehmung und Entwicklung schönes Reiten fördern kann.

 
Informationen zu Anna Eschner
finden Sie unter www.anna-eschner.de
 

Schon immer hatte sich Irene den kraftvollen Brauen gewünscht. Ihr Verstand weiß, dass es vielleicht zuviel Pferd für sie ist, dennoch kaufte sie den gut gerittenen Anadalusierwallach. Es dauert nicht lange und die zierliche Freizeitreiterin stößt an ihre Grenzen: ‚Setzt Dich durch', erinnert die Ausbilderin, die der Schülerin mit viel Geduld, fachlich gut durchdachten Übungen und reiterlicher Technik unterstützt. Anna Eschner, Reitlehrerin auf dem Gangpferdegestüt Lindehof, kennt dieses Beispiel: "Ein Reiter wie dieser, wird nicht nur im Sattel unsicher und vorsichtig sein. Auch in anderen Lebensbereichen wird diese Charaktereigenschaft auftreten - das Durchsetzungsvermögen gegenüber Kollegen, dem Chef oder im Bekanntenkreis kann dort auch auftreten", erklärt die Ausbilderin. "Gerät er nun an Pferd, das ihm seinen Grenzen aufzeigt, wird er sich im Laufe der Ausbildung mit seinem Pferd ach in seiner Persönlichkeit entwickeln. Handelt dieser Reiter nun selbstbewusster, gibt klare direkte Anweisungen, die aber dennoch weich sind - weil nur diese von diesem Pferd verstanden werden - so ändert er seine Charaktereigenschaften. Damit bleibt nicht aus, dass sich dieser Mensch nicht auch in anderen Lebensbereichen ändert", beschreibt Eschner die Entwicklung.

Ausbilden dem Lerntyp nach

Ob beim Lernen von Mathematik, Segeln, Tanzen, Gitarrespielen oder Reiten - grundsätzlich kann ein Mensch nur Lernen und neue Informationen, aufnehmen, verstehen dun auch versuchen umzusetzen, wenn er den mentalen Zustand dazu hat. Und in wie weit der Lehrer seinen Schüler beim Lernen an die Grenzen führt, wie viel ‚Stoff' der Schüler verarbeiten kann oder wann er körperlich an seine Grenzen stößt, ist ganz unterschiedlich. Der Lehrer hat hier die Aufgabe, den Schüler einzuordnen und ihn seinem Typ entsprechend zu fördern. Beim Reiten kommt noch hinzu, dass das Lebewesen Pferd zusätzlich die gleiche Betrachtung benötigt. Auch dieses braucht den mental richtigen Zustand, um lernen zu können und hat - wie der Mensch auch - seine Vorgeschichten, Päckchen und körperlichen Einschränkungen. Das macht Reiten so anspruchsvoll und unterscheidet es von Hobbys, in denen (wie beim Gitarrespielen) nur der Mensch die Änderung hervorbringt. Die Tiefe und die Schönheit des Ergebnisses können aber bei beiden gegeben sein.

Auf die Frage hin, ob Eschner den Charakter des Reitschülers besonders berücksichtig und fördert, antwortet die engagierte Ausbilderin: "Es drängt sich einem beim Unterrichten schnell auf, was für ein Typ Mensch der Reiter ist, wo er gefördert werden muss und wo gebremst. Ist er ein unstetiger, impulsiver oder eher ruhiger und verschlossener Typ? Diese Eigenschaften werden auf dem Pferd augenblicklich sichtbar. Ein Reiter der im Leben eher unauffällig, zielstrebig seinen Weg geht, ohne viele Wellen aufzuwerfen, ohne mit Leuten anzuecken oder Risiken einzugehen, spiegelt dies auch in seiner Reiterei. Aber auch in alle seinen anderen Lebensbereichen (Miteinander, Tanzen, Malen, Kindererziehen) treten seine Eigenschaften zu Tage. Häufig hat er ein Pferd, mit dem er wunderbar klarkommt, sich gut arrangiert und mit dem er zusammen keinen großen Staub aufwirbelt.

Reiten heißt nicht nur den Anweisungen des Trainers folgen und diese wie eine Maschine ausführen. Würden wir motorisierte Spielzeugpferde reiten würde das vielleicht noch hinkommen. Doch wir gehen mit entscheidungsfähigen, besonders sensiblen Tieren um, kommunizieren jede Sekunde mit Ihnen - auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Beim Reiten kann sich keiner verstellen. Die Idee des ‚das Pferd spiegelt jede Person' ist in vielen Reitlehren ein Begriff, für viele Alternativ-Ausbilder und auch konventionelle ist dies ein Fakt.

Eine Frage des Typs

Die Suche dauerte Monate: alle Wunschpferde wurden betrachtet, die die ins Budget passten ausprobiert, die einen kamen ins Töpfchen, die anderen ins Kröpfchen. Und dann, ganz ‚zufällig', sah Ursula Geiger ihn: groß, ein Fuchs (wie sie nie wollte) vier weiße Füße, kein eleganter Schwanenhals wie geplant… dennoch er hatte etwas, an dem sie nicht vorbei gehen konnte. Was, das kann die Besitzerin heute noch nicht sagen. "Ich wusste nur: er ist es. Und als ich auf seinem Rücken saß - er war damals noch nicht gerade weit entwickelt - war alles klar. Ich habe mich direkt wohl gefühlt", erinnert sich die Neusserin. "Es ist nicht immer zu erklären, warum man sich in die eine oder andere Person oder in das ein oder andere Pferd verliebt.
Es ist einfach so", beobachtet Eschner. "Ich glaube, dass es sinnvoll ist, sachlich und gut durchdacht das richtige Pferd für den Reiter zu finden", formuliert die Ausbilderin, die im Ausbildungsstall Trappe viele Verkaufsentscheidungen miterlebt.

"Ein junges, unerfahrenes Pferd sollte nicht in die Hände eines unerfahrenen Reiters, die hektische Person nicht auf das nervöse Pferd und so weiter - ich glaube aber, dass dies nicht zutrifft. Beziehungsweise, der Alltag zeigt auch Ausnahmen zu dieser Regel: ich kannte eine Reiterin, die sich ein für sie anspruchsvolles Pferd kaufte. Nach einem Jahr verkaufte sie ihn, weil er nicht passte. Sie kaufte sich ein neues Pferd und auch dieses Pferd verließ nach einigen Monaten wieder den Stall. Das nächste kam. Diese Person hat auch im Alltag Schwierigkeiten, sich durchzubeißen, wenn es mal eng wird. Kann das Problem nicht sofort gelöst werden, wird das Pferd verkauft, das Auto abgegeben, die Freundschaft beendet oder sogar der Job gewechselt."

Die Persönlichkeit der Besitzerin zeigt sich also bei ihrem Umgang und in der Handhabe von Pferden. Dies ist nicht negativ zu bewerten, denn jeder hat da sein ganz eigenes Päckchen, das auf dem Pferderücken zu Tage kommt. Diese Päckchen können in Form von Ungeduld, Nervosität, Unentschlossenheit, Energietonus, Nachgiebigkeit, Durchsetzungsvermögen und so weiter auftreten, je nach Person ist die Dosierung zu viel oder zu wenig. Zu viel Power kann genauso kontraproduktiv bei der Verständigung mit Pferden sein, wie zu wenig.

Es gibt die Menschen, die lieber unauffällig sind, die gerne folgen und andere leiten lassen. Die, die immer voran müssen, in großen Wellen Dinge ändern müssen und mutig voranschreiten. Es gibt Menschen, die durch Reibung Dinge bewirken möchten, die, die sich besonnen zurückziehen, wenn es man stürmischer wird oder diejenigen, die sich ihrer Umwelt anpassen und immer den Gegenpol zum gegenüber bilden. Diese kleinen Beispiele zeigen, wie unterschiedlich wir Menschen sind und was für eine große Aufgabe unsere Pferde haben. Meist verlangen wir von ihnen, dass sie sich unserem Typ anpassen, obwohl auch die Pferde mit den unterschiedlichsten Charakteren ausgestattet sind, jedes einzelne ist eine eigene Persönlichkeit.

Die Umgebung färbt ab

Jemand, der viel reist, oft umgezogen ist oder woanders gelebt hat der weiß: die Umwelt prägt. Lebt man in New York City, wo der Puls höher schlägt, die Dame an der Kasse im Turbomodus ist und auf den Strassen das Leben tobt, bekommt der eigene Körper einen anderen Impuls von Außen als wenn man in einem Fünfzig-Seelen-Bergdorf in Tirol lebt, morgens mit dem Gezwitscher der Vögel geweckt wird und beim Brötchenholen, die Dame vor einem ein Schwätzchen mit der Bedienung hält. Ganz in Ruhe. Unsere ‚deutsche Reitlehre' ist sehr ‚deutsch', die amerikanische Westernreitweise an die Lebensumstände des Landes und dessen Kultur geknüpft. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass für sich passende Umfeld zu finden. Dies ist nicht immer einfach. Das beinhaltet dann vielleicht sogar einen Stallwechsel, oder dass bewusste Sortieren von Mitreitern, Stallfreunden und Reitlehrern.

Der eigene Reitstall prägt das eigene Reiten oft mehr als manch einem bewusst ist. Der Weg zum eigenen ‚Reiten' ist daher nicht unbedingt der einfachste, doch die Mühe zahlt sich aus: umgeben von Gleichgesinnten, die genauso denken und lernen, offen sind, im positiven Sinne Dinge kritisch betrachten, in einem Stall, wo jeder den anderen akzeptiert und walten lässt, wo die Einstellung den Bedürfnissen der Pferde gleich sind - da kann sich ein Reiter gut entwickeln. Und Zwar täglich.

Typsache ist aber auch, ob man das positive im Alltag sucht, also den Stall mit den ruppigen Leuten hinter sich lässt und in einen guten Stall umzieht oder ob man bleibt und versucht im alten Dinge anzukurbeln und zum positiven zu beeinflussen. Dies muss jeder für sich selber entscheiden. Wichtig dabei ist, dass man seine eigene Situation erkennt und entscheidet, wie man mit ihr umgehen möchte. Jemand, der noch nie die Dinge von Außen betrachtet hat, um sich seiner Lage bewusst zu werden, wird bei der Lösungssuche etwas schwerer tun. Bei der Wahl des Reitlehrers ist dies ähnlich. Ob Reitlehrer XY direkt sympathisch wirkt - oder auch nicht - oder man ein Pferd sofort ansprechend findet oder nicht, ist - vor allem für Frauen - nicht immer sachlich zu beurteilen. Dennoch ist eine fachliche Betrachtung der Situationen für das Gelingen im Sattel wichtig.

Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was für Eigenschaften man hat. Was für Charakterzüge sind einem angenehm, welche sind für den eigenen Pferdetypen nicht zuträglich, welche stören einen immer wieder und welche hat man schon erfolgreich abgelegt? "Ich bin eher der ruhige Typ, der sich oft nur schwer durchsetzten kann", erzählt Freizeitreiterin Annette Habich. "Wenn andere viel reden werde ich eher still und lasse ihnen den Vortritt. Ich arbeite schon seit meiner Jugend daran, etwas impulsiver zu sein und auch mein Reitlehrer arbeitet immer wider daran mit mir. Das Pferd könnte leichter und lockerer, vor allem aber flotter vorwärts laufen", erzählt die Landshuterin.

Der Körper als Spiegel

Körper und Persönlichkeit sind nicht von einander zu trennen: wer unsicher ist wird einen Gang haben, der dies zum Ausdruck bringt. Ein eher ängstlicher Mensch wird vielleicht eher nach vorne Fallen. Ein ehrgeiziger vielleicht verspannter im Sattel sitzen, ein unentschlossner dementsprechend sprunghaft seine Hilfen geben. Man wird in dem gut, was man am meisten tut und wer Reiten gut gelernt hat und solide im Sattel sitz, die Hilfen fein dosiert geben kann, der wird auch seine Persönlichkeitsstrukturen in Sitz und Hilfengebung zum Ausdruck bringen - ob er will oder nicht. Auch in der Atmung, im Schwerpunkt seines Sitzes, in der Geschmeidigkeit seiner Bewegung kommt alles Innere zum Ausdruck.

Jeder Einsteiger oder Anfänger muss - um die körperlichen Abläufe zu koordinieren und zu lernen - hakelige, zu beginn grobe Bewegungsabläufe machen.Erst mit der Übung du dem Verständnis für das was er tut und mit der Erfahrung, kann er feiner und weicher werden. Würden man einen Tanzkurs belegen, würde man dem Partner erst mal auf die Füße treten. Der eine mehr oder weniger. Während einer mehr Führung braucht, erfreut sich ein anderen daran die Richtung anzugeben und das nicht zu sensibel. Wie schnell sich jemand nun zum feinen Tanzpartner entwickelt, ob Grazie und künstlerischer Ausdruck mit ins Spiel kommt oder ob es einfach nur ein Gehopse.

Das Bild des ‚guten Menschen' ist also nicht zwangsläufig im ‚guten' Sitz zu beurteilen, denn auch dieser variiert meist individuell im Sinne des Betrachters. Jeder Mensch ist anders und hat sein ganz eigenes Ideal.

Informationen

zu Anna Eschner finden Sie hier:

48341 Altenberge
0173 9758325
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Text & Fotos: RK

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