Reiterphysiotherapie, Teil 3: Ellbogen & Hände


Fingerspitzengefühl & Ellbogenfreiheit - mit Frauke Behrens

 
 4. Übung: unruhige Hand 4. Übung: unruhige Hand
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 4. Übung Für Reiter mit kleinen Engelsflügeln oder Henkeltassen4. Übung Für Reiter mit kleinen Engelsflügeln oder Henkeltassen
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Weich gibt der Reiter seine Zügelhilfen, das Gebiss liegt ruhig im Pferdemaul - im Schritt mag dies vielleicht noch klappen, im Trab jedoch, sorgen unruhige Hände häufig für Missverständnisse zwischen Reiter und Pferd. Wie die Positionierung von Schultern, Ellbogen und Händen das Pferd in seinen Bewegungen beeinflusst und welche Übungen die Koordination des Reiters fördern, erläutert Ihnen Physiotherapeutin Frauke Behrens.

Hände spielen in unserem täglichen Leben eine große Rolle: Sie drücken Stärke oder Schwäche aus, streicheln, gestikulieren oder sind Zeichen künstlerischen Ausdrucks. Wer Hände zu deuten weiß, kann durch sie den Charakter eines Menschen bestimmen. Im Sattel drückt die Hand den Ausbildungsstand und das Feingefühl des Reiters aus. Schultern, Unterarme und Hände können Signale geben, durch die der Mensch mit dem Pferd kommuniziert. Obwohl diese Hilfen hinter den Gewichts- und Schenkelhilfen erfolgen sollten, zeigen alltägliche Beispiele auf dem Reitplatz, dass dies gar nicht so einfach ist.

Die Zügelführung ist eine sensible Angelegenheit und das Ändern lang „antrainierter“ Gewohnheiten (wie das Eindrehen der Hand) kann nur durch regelmäßiges Üben erfolgen. Es ist nicht von jetzt auf gleich abzustellen. In den meisten Fällen ist da ein Ausbilder gefragt, der regelmäßig den Reitersitz korrigiert. Denn für ein Pferd gibt es nichts Schlimmeres als eine Zügelführung, die nichts bedeutet.
Mechanisch betrachtet stellen die Unterarme die weiterführenden Zügel dar, die Hände bilden eine aufrechte Faust, die jeder Zeit ein OK-Zeichen mit dem Daumen geben könnte.

Fehlhaltungen erkennen — Ursachen erforschen

Mögliche Ursachen von Fehlhaltungen können durch gezielte Übungen behoben werden. Eine genaue Diagnose jedoch, kann nur der Arzt stellen

1. Fehlhaltung
Zu hohe Handhaltung
• Der Reiter ist eine kleinere Person. Würde er die Hände tiefer nehmen, müsste er seine Arme komplett strecken.
• Die Unterarme werden als Balancestange eingesetzt, was die Bauchmuskulatur entlastet.
Muskuläre Zusammenhänge
Mit einer idealen Zügelhand-Armlinie werden Bauch- und Rückenmuskeln gleichmäßig gefordert. Trägt der Reiter die Hände in einem fast 90° Grad-Winkel vor seinem Bauch, entlastet er die Bauchmuskulatur. Test: Stellen Sie sich aufrecht hin, Ihre Arme hängen locker neben dem Körper. Beugen Sie sich langsam mit Ihrem gesamten Körper nach hinten. Wenn Sie ein unangenehmes Gefühl in der Bauchgegend spüren, heben Sie langsam beide Arme an, bis auf ca. 90° Grad. Nun sollten Sie eine kleine Erleichterung in der Bauchregion erfahren. Natürlich sitzen Sie nicht so sehr nach hinten verlagert auf dem Pferd. Der Muskel-Effekt, der zu hoch getragenen Hände, bleibt jedoch der gleiche.

2. Fehlhaltung
Zu tiefe Handhaltung
• Der Reiter ist eine größere Person, dessen Hände - würde er sie höher halten - nicht über dem Widerrist, sondern irgendwo weiter vorne über dem Hals liegen würden.
• Diese Person reitet mehr über die Bauch- als über die Rückenmuskulatur.
Muskuläre Zusammenhänge
Hier verhält es sich genau umgekehrt zur Fehlhaltung 1: Dieser Reiter benutzt vermehrt seine Bauchmuskulatur. Test: Stellen Sie sich aufrecht hin, beugen Sie langsam Ihren Oberkörper aufrecht nach vorne, bis Sie an Ihre Grenze kommen. Lassen Sie Ihre Arme hängen. In welchem Bereich ist dies anstrengend, vielleicht sogar unangenehm? Heben Sie langsam die Arme nach hinten, ähnlich wie ein Skispringer. Bei beiden Handhaltungen ist die Auswirkung auf die muskuläre Balance zu sehen. Das Resultat: eine Fehlbalance (Dysbalance) der Muskulatur, die auf Haltungsschwächen beruht und zu einer Fehlhaltung führen kann.

3. Fehlhaltung
Verdrehte, verdeckte Hände
• Eventuelle Blockierungen in der Brustwirbelsäule, der Oberkörper ist nicht aufgerichtet.
• Die Schultern sind vermehrt nach innen rotiert.
• Eine zu steile, gerade Wirbelsäule
• Blockierungen im Kreuzdarmbeingelenk (ISG), das Becken kippt nach hinten.
Muskuläre Zusammenhänge
In der weiterlaufenden Bewegung mit verdrehten Händen würde der Reiter das Kinn auf das Brustbein senken, seinen Oberkörper rund machen und in sich zusammen sinken. Die Knie würde er in Richtung Bauch anziehen, die Embryo-Schutzhaltung wäre perfekt. Die vordere diagonale Muskelschlinge arbeitet bei dieser Handhaltung vermehrt und zieht den Reiter in sich zusammen.

4. Fehlhaltung
Unruhige, körper-abhängige Hände
• Blockierungen in der Lendenwirbelsäule (LWS)
• Blockierung in den Kreuzdarmbeingelenken
• Hüftfehlstellungen
• der Reiter ist Anfänger und reitet erst seit kurzem
Muskuläre Zusammenhänge
Die Hände ruhig und körperunabhängig halten zu können ist nur dann möglich, wenn der Reiter optimal mitschwingen kann. Wird der ankommende Schwung vom Pferd nicht optimal vom Reiter aufgefangen, übernimmt seine Muskulatur die Arbeit der Gelenke. Sie versucht dann durch Anspannung diese Bewegung auszugleichen, in diesem über den Unterarm und die Hand.

5. Fehlhaltung
Abgespreizte Ellbogen (wie ein kleiner Engel mit Flügeln)
• eine Frage der seitlichen Balance
• nach Innen rotierte Schultergelenke
Muskuläre Zusammenhänge
Die vordere Muskelkette, die den Reiter nach vorne in sich zusammensinken lässt, kommt vermehrt zum Einsatz. Das Auflösen dieser ungünstigen Haltungsmuster ist durch gezieltes Üben gut umzusetzen.

Sitzkorrektur am Boden

Folgende Übungen werden am Boden ausgeführt. Sie verbessern Ihre Gesamthaltung im alltäglichen Leben und Ihren reiterlichen Sitz

1. Übung
Anstrengend, aber effektiv
Für Reiter mit zu hohe und tiefer Handhaltung sowie abgespreizten Ellbogen.
Sinn & Zweck: Kräftigung der Bauch und Rückenmuskulatur
Ausgangsposition: Bauchlage
Sie liegen auf dem Bauch kommen in den Unterarmstütz und auf die Zehenspitzen. Ihr Hinterkopf, Ihre Brustwirbelsäule und Ihr Gesäß bilden eine Linie. Halten Sie diese Position etwa. 20 Sekunden und atmen Sie regelmäßig weiter. Verlängern Sie die Zeit jeden Tag um fünf Sekunden, bis Sie drei Minuten durchhalten können. Dies kann bis zu drei Wochen dauern.

2. Übung
Strecken und Recken
Für Reiter mit verdrehten Händen und abgespreizten Ellbogen
Sinn & Zweck: Dehnung
Ausgangsposition: Stand
Stellen Sie sich mit der rechten Schulter an eine Wand, Ihre flache Hand und Ihre Schultern berühren sie. Heben Sie Ihren linken Arm auf 90° Grad an und drehen Sie ihn nach links hinten. Dehnen Sie nur so weit bis ein Reiz entsteht. Halten Sie diese Position zirka 30 Sekunden und wiederholen Sie die Übung auf jeder Seite drei Mal.

3. Übung
Mobile untere Lendenwirbelsäule (Bauchtanz Vorübung)
Für alle Handfehlhaltungen
Siehe Übung „Bein auf Fußknöchel“ in Teil 2.

4. Übung:
unruhige Hand
Für Reiter mit verdeckten Händen oder abgespreizten Ellbogen
Sinn & Zweck: Dehnung
Dauer: so lange und oft Sie möchten
Ausgangsposition: Stand
Hilfsmittel: Ein paar Zügel, ein Stuhl mit hoher Rückenlehne
Verschnallen Sie ein paar Zügel an der Rückenlehne eines Stuhls so, dass wenn Sie an den Zügeln ziehen, der Stuhl zum kippen kommt. Stellen Sie sich hinter den Stuhl, nehmen Sie die Zügel auf (als würden Sie auf einem Pferd sitzen) und bringen Sie den Stuhl leicht zum kippen. Beginnen Sie damit mit geschlossenen Füßen zu hüpfen. Der Stuhl sollte trotz seiner leicht gekippten Lage nicht kippeln oder gar nach hinten überkippen.

Sitzkorrektur im Sattel

Folgende Übungen werden im Sattel ausgeführt.
• Probieren sie die angegebenen Hilfsmittel zuerst am Boden aus, damit sie wissen, was auf dem Pferd auf Sie zukommt.
• Machen Sie Ihr Pferd mit den Hilfsmitteln bekannt
• Sie bestimmen die Gangart (ausgesessener Trab ist zwar am effektivsten muss jedoch nicht sein) Bei anderen Gangarten Schritt, Tölt, Jogg einfach die angegebene Übungszeit verdoppeln.
• Überlegen Sie, ob Sie die Übung an der Longe machen möchten

1. Übung
Für die Reiter mit zu niedriger Handhaltung
Sinn & Zweck: Wahrnehmung
Hilfsmittel: 1 Person zum Führen oder longieren. Ein 1 Meter langes Gymnastik-Latex-Band
Befestigen Sie oder ein Helfer das Gymnastik-Band so am Sattel, dass eine etwa 15 Zentimeter große Schlinge entsteht. Diese sollte so groß sein, dass Sie jeder Zeit herausrutschen könnten. An Dressursätteln kann das Band an den kleinen Vorderzeug-Schnallen befestigt werden. Führen Sie Ihr Handgelenk durch die Schlinge so weit nach oben, dass Druck auf der Hand entsteht. Halten Sie Ihre Hand nun unter diesem Druck hoch. Halten Sie Ihre andere auf gleicher Höhe. Traben Sie jetzt vier Runden leicht und wechseln danach die Schlinge in die andere Hand. Der Druck, den die Schlinge ausübt, sollte so stark sein, dass es anstrengend ist die Hand oben zu halten.

2. Übung
Für Reiter mit zu hoher Handhaltung
Sinn & Zweck: Wahrnehmung
Dauer: etwa vier Bahnrunden (20 mal 40 Platz)
Gangart: Trab (leichttraben)
Hilfsmittel: 1 Person zum Führen oder Longieren. Ein 1 Meter langes Gymnastik-Latex Band.
Vorbereitung siehe Übung 1 im Sattel. Halten Sie bei dieser Aufgabe die Hand in der Schlinge übertrieben tief. Die freie andere Hand halten Sie auf der gleichen Höhe. Lassen Sie hierbei Ihr Pferd am langen Zügel gehen. Es macht nichts, wenn Sie für diese Übung etwas nach vorne gebeugt sitzen.

3. Übung
Für Reiter mit verdrehten oder unruhigen Händen
Sinn & Zweck: Wahrnehmung
Gangart: Trab (leichttraben) und Galopp (wenn möglich)
Hilfsmittel: 1 Person zum Führen oder Longieren, eine mindestens ein Meter lange Gerte
Nehmen Sie nach dem Aufwärmen eine Gerte und legen Sie sie quer zum Widerrist über Ihre Hände und zwar so, dass Ihre Daumen nach oben gestreckt sind (OK Zeichen). Traben Sie so vier Runden im leichten Sitz, galoppieren Sie dann an.
Es lohnt sich diese Übung an der Longe zu machen. Um die Gerte nicht zu verlieren dürfen Sie die Hände ruhig höher halten. Die Bewegung muss nun mehr aus Ihren Ellbögen kommen, welches aus drei Gelenken besteht. Eines davon fungiert als Scharniergelenk.

4. Übung
Für Reiter mit kleinen Engelsflügeln oder Henkeltassen (abgespreizte Ellenbogen)
Sinn & Zweck: Wahrnehmung
Dauer: etwa 4 Bahnrunden (20 x 40 Meter Platz)
Gangart: Trab (leichttraben) und Galopp (wenn möglich)
Hilfsmittel: 1 Person zum Führen oder Longieren, 2 Tennisbälle
Nachdem Sie Ihr Pferd und sich gelöst und warm gemacht haben, bitten Sie jemanden Ihnen zu helfen einen Tennisball unter den rechten Arm und einen Tennisball unter den linken Arm zu klemmen. Der Ball sollte oberhalb der Ellenbogen zwischen Arm und Oberkörper geklemmt werden.
Der Helfer sollte sich nicht ganz entfernen, denn es passiert schon mal, dass man einen Ball verliert.

Funktion von Hand und Ellbogen beim Reiten

Die Hand mit der Zügelhilfe kommt beim Reiten erst nach der Gewicht- und Schenkelhilfe. Sie ist Signal gebend und soll dem Pferd die Orientierung geben. Dabei entscheidet der Reiter, ob das Signal für mehr Aufmerksamkeit steht oder eine begrenzende oder befreiende Einwirkung hat, wie zum Beispiel bei Seitengängen. Die Art und Weise einer Zügelhilfe offenbart die Persönlichkeit eines Reiters.

Informationen

und zahlreiche Artikel von Frauke Behrens finden Sie hier online bei Goodhorsemanship.de.

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Frauke Behrens, 29392 Wesendorf
T. 05376 - 977 74 09, Mobil: 0171 - 270 29 22

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