Reiterphysiotherapie, Teil 2: Wirbelsäule

 

Die Säule des Lebens – von Frauke Behrens

Ob im Trab oder Galopp – die Körperhaltung des Reiters im Sattel beeinflusst das Pferd bei all seinen Bewegungsabläufen. Welche Sitz-Probleme sich bei Reitern einschleichen, wann sie zu gerade, zu weit vorne oder hinten sitzen, und wie sie ihre Haltungsfehler korrigieren können, erläutert Reiterphysiotherapeutin Frauke Behrens im zweiten Teil dieser Serie.

Was die Wirbelsäule aushalten muss
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Wirbelsäulenprobleme jeglicher Art sind zu einer Volkskrankheit avanciert. Man kann lange nach den Ursachen forschen, wird aber trotzdem nicht zu einer einstimmigen Meinung gelangen. Schulmediziner, Heilpraktiker, Therapeuten jeglicher Couleur vertreten hier unterschiedliche Thesen. Die Wirbelsäule, auch Säule des Lebens genannt, verhilft uns durch ihre knöcherne Struktur zur Aufrichtung. Die zwischen den Wirbelkörpern gelagerten Bandscheiben dienen dabei zur Flexibilität, und das im Wirbelkanal liegende Rückenmark mit seinen seitlich austretenden Nerven bestimmt die Funktionalität unseres Körpers.

Die Wirbelsäule fängt mit ihrer doppelt geschwungenen S-Form den vertikalen Schwung der Pferdebewegung optimal auf. Wird dieser Schwung aber durch ein blockiertes Rippen-Wirbelgelenk gestaut, leitet der Körper ihn zurück. Und hier spielt – neben den beteiligten Gelenken – die Muskulatur eine große Rolle: Sie muss diesen zurückkommenden Schwung wieder abfangen. Muskuläre Verspannungen zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule sind häufig das Resultat. Sind Verspannungen einmal aufgetreten, ist es für den Körper fast unmöglich, den Schwung des Pferdes komplett zu transportieren. Dehn- und Koordinationsübungen zur besseren Fitness im Sattel können daher Ihren Tagesablauf enorm versüßen.

Anatomie zum besseren Verständnis

Die Wirbelsäule ist unterteilt in die Halswirbelsäule mit sieben Wirbelkörpern, der Brustwirbelsäule mit zwölf Wirbelkörpern, der Lendenwirbelsäule mit fünf Wirbelkörpern, dem Kreuzbein oder Sacrum mit fünf ineinander verschmolzenen Kreuzbeinwirbeln sowie der drei bis fünf Steißwirbel. Sie ist doppelt S-förmig gekrümmt, wobei der Knick zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein ein Kennzeichen in der Entwicklung des Menschen zur Aufrichtung ist.
Die Idealhaltung der Wirbelsäule beim Reiten ist gegeben, wenn die doppelt geschwungene S-Form zum Wirken kommen kann.

So finden Sie die ideale Haltung

Ihre ideale Mittelpositur von Wirbelsäule und Becken können Sie zu Hause vor dem Spiegel finden:

  • Setzen Sie sich weit vorne auf einen Stuhl, seitlich zum Spiegel. Ihre Füße sollten zwischen Ober- und Unterschenkel einen Winkel von etwas über 90 Grad betragen. Drücken Sie Ihren Rücken ins Hohlkreuz und sofort darauf in die entgegengesetzte Richtung. Dabei kippen Sie das Becken einmal nach vorne ab (Hohlkreuz) und dann nach hinten (Rundrücken). Versuchen Sie nun, die Mitte zwischen zu weit nach hinten oder zu weit nach vorne gekipptem Becken zu finden.
  • Legen Sie eine Hand auf Ihr Brustbein und atmen tief ein. Spüren Sie das Heben und Senken Ihres Brustbeins?
    Versuchen Sie nun, das Brustbein ohne vertieftes Atmen zu heben und nicht in ein zu starkes Hohlkreuz kommen. Stellen Sie sich als Hilfestellung einen Ballett-Tänzer vor, der mit einem wunderbar aufgerichteten Oberkörper zu einem Sprung in die Höhe und nach vorne ansetzt. Jetzt bringen Sie nur noch eine wie in Kapitel 1 beschriebene Kopfhaltung hinzu (Pegasus 5/05) und Sie haben gewonnen!

Ist diese Haltung für Sie sehr anstrengend, dann sind die für die Aufrichtung benötigten Muskeln noch nicht stark genug. Übung macht da den Meister. Es ist gut möglich, dass Sie sich beim Ausprobieren dieser Haltung sehr steif fühlen. Keine Sorge, das ist normal und gehört dazu.

Fehlhaltungen erkennen — Ursachen erforschen

Folgend führen wir verschiedene mögliche Ursachen einer Fehlhaltung des Reiters auf. Eine genaue Diagnose kann aber nur ein Arzt stellen:

1. Der Reiter sitzt zu steif
mögliche Ursachen
Übungen 2, 4 am Boden, 1 im Sattel

  • angeborene Deformationen der Wirbelsäule wie zum Beispiel eine abgeflachte Brust- und Lendenwirbelsäule; die Wirbelsäule hat keine Hohl- oder Rundbeugung, es fehlt die doppelte S Form;
  • Bandscheiben-Probleme in der Lenden- oder Halswirbelsäule;
  • Erkrankungen der Wirbelsäule und damit verbunden eingeschränkte Rotation der Wirbelsäule;
  • verspannte Muskulatur, insbesondere Nackenmuskulatur.


Muskuläre Zusammenhänge
Der Schwung des Pferdes wird zum größten Teil (zu 80 bis 90 Prozent) von der Muskulatur in der Mittelpositur aufgefangen. Kommt es zu Problemen in den Gelenken der Wirbelsäule (Blockaden, Fehlstellungen usw.) schützt die Muskulatur die Gelenke. In diesem Fall treten insbesondere bei schwungvolleren Pferden Schwierigkeiten auf. Für den Außenstehenden hat es dann den Anschein, als würde der Reiter mehr über, als im Pferd sitzen.
Das alles sind Bemühungen des Körpers, dem Schwung gerecht zu werden. Der Körper des Reiters wird unbewusst gesteuert, und es ist schwer für ihn, diese Ausweichhaltungen und Bewegungen bewusst abzustellen.
Häufig entstehen hier Verspannungen beim Reiter zwischen den Schulterblättern oder im Nackenbereich.

2. Der Reiter „knickt“ seitlich ein
mögliche Ursachen
Übungen 1, 2, 4 am Boden, 2 im Sattel

  • Blockierung in der Brustwirbelsäule; anstatt in der Wendung korrekt mitzudrehen, knickt der Reiter seitlich ein;
  • Fehlstellung des Beckens (eine einseitige Drehung der rechten oder linken Beckenschaufel);
  • fehlende untere Bauchmuskulatur (dient der Stabilisierung des Beckens);
  • Skolioseformen der Wirbelsäule; die Wirbelsäule ist nicht gerade, sondern seitlich wie ein C oder ein S geformt;
  • nicht genügend Stabilität im Rumpf.

Muskuläre Zusammenhänge
Das Problem bei seitlichem Einknicken ist, dass es zu einseitig ausgeprägten Muskeln- sowie zu einseitigen Gewichtsbelastungen kommt. Die Bauchmuskeln sind recht komplex: Es gibt oberflächliche und tiefer liegende Schichten. Sie entspringen am Brustkorb und an der Wirbelsäule, enden am Becken oder am Oberschenkelkopf. Für das seitliche Abkippen sind zirka 5 Muskeln verantwortlich. Das gleiche gilt für die Rückenmuskulatur. Sie ist ebenfalls in mehreren Schichten angeordnet, wobei die tieferen für die Aufrichtung zuständig sind. Die Muskeln, die oberflächlicher verlaufen, sind für das Abstützen und für die Schulterblattbewegung zuständig.

3. Der Reiter richtet sich nicht auf
mögliche Ursachen
Übungen 2, 4 am Boden, 2 im Sattel

  • Verstärkte Kyphose der Brustwirbelsäule (Brustwirbelsäule ist zu rund);
  • Blockaden in der Wirbelsäule;
  • Das Becken kippt zu stark nach hinten ab (Stuhlsitz), um dem Schwung auszuweichen;
  • Schultergelenke sind nach vorne und innen rotiert.


Muskuläre Zusammenhänge
Die Brustmuskeln arbeiten zu stark nach vorne innen, sie sind wie nach innen eingeschnürt, und die langen Rückenstrecker sind in einer Dehn-Haltung. Die Synergie zwischen Bauch und Rückenmuskulatur ist gestört. Oft arbeiten die vorderen oberen Oberschenkelmuskeln auch noch zu stark, so dass ein korrektes Treiben und ein richtiger Sitz in der Bewegung nicht mehr möglich ist.
Diese Fehlstellungen sind die häufigsten, und man findet sie stärker oder schwächer ausgeprägt oder auch miteinander kombiniert.

Korrektur am Boden

Wer Wirbelsäulenfehlstellungen hat und dies weiß, sollte seinen Körper unbedingt unterstützen, um weiterführenden Beeinträchtigungen vorzubeugen. Ein Reiter mit starken Probleme in der Lendenwirbelsäule kann ohne Maßnahmen Schwierigkeiten in der Halswirbelsäule bekommen oder umgekehrt. Die funktionellen Zusammenhänge sind immer existent. Versuchen Sie herauszufinden, was Ihnen auf langer Sicht Spaß macht und Sie weiterbringen könnte: Yoga, Shi Gong, Pilates, Feldenkrais oder Nordic Walken sind nur einige unterstützende Methoden, um den Körper zu stärken.
Sie müssen nicht super durchtrainiert sein, sondern anfangen, regelmäßig ihre Muskeln zu arbeiten. Neben den vielen „wichtigen“ Dingen trägt man auch Verantwortung für seinen eigenen Körper. Und wenn Sie die Verantwortung nicht übernehmen, wer dann?
Folgende Bodenübungen sind ein Einstieg. Wenn Sie diese 3 Wochen lang 4-mal die Woche ausführen, fühlen Sie sich wesentlich fitter.

Übung 1.
Stramm wie ein Waschbrett
Für Reiter, die seitlich in der Hüfte einknicken
Übungsort: am Boden
Sinn & Zweck: Kräftigung der geraden Bauchmuskeln
Dauer: so lange, bis sie es schaffen, 20 Situps dreimal zu wiederholen
Ausgangsposition: Rückenlage

Begeben Sie sich in Rückenlage. Strecken Sie die Beine in die Luft und kreuzen Sie sie. Die Hände locker in den Nacken legen. Jetzt heben Sie Ihren Oberkörper soweit an, bis Ihre Schulterblätter gerade vom Boden abheben. Sie heben nun 20-mal an und wiederholen dies dreimal. Wenn es Ihnen zu anstrengend ist, die Beine in der Luft zu halten, können Sie Ihre Unterschenkel auch auf einem Stuhl oder Sofa ablegen. Wichtig ist, dass Ihr Becken zu Ihren Beinen in einer 90-Grad-Winkelung steht.

Übung 2
Ein Six-Pack am Bauch ist besser als ein Six Pack im Bauch
Für Reiter, die zu steif sitzen, sich nicht aufrichten oder in der Hüfte einknicken
Im Sattel oder am Boden: Boden
Sinn & Zweck: schräge Bauchmuskulatur wird gekräftigt (diese ist verantwortlich für die Taille)
Dauer: etwa drei Minuten, 100-mal zu jeder Seite
Ausgangsposition: Stand vor dem Spiegel

  • Stellen Sie sich mit leicht gegrätschten Beinen vor den Spiegel, legen Sie einen Besenstiel (ohne Fegeelement) auf Ihre Schultern und halten diesen mit den Händen fest.
  • Bauen Sie Spannung in Beinen und Becken auf. Jetzt drehen Sie gleichmäßig Ihren Rumpf nach rechts und links, ohne dass sich Ihr Unterkörper bewegt. Sie brauchen diese Grundspannung im Becken und in den Beinen, um ein Mitdrehen zu verhindern. 100-mal zu jeder Seite drehen.


Übung 3
Für Vierfüßler
Siehe Reiterphysiotherapie, Teil 1

Übung 4
Mobilität für untere Lendenwirbelsäule (Bauchtanz Vorübung)
Für alle Reiter
Im Sattel oder am Boden: Boden
Sinn & Zweck: Mobilität der Lendenwirbelsäule (Lendenwirbeläule)
Dauer: 30-mal zu jeder Seite
Ausgangsposition: Rückenlage auf dem Boden

  • Legen Sie sich auf den Rücken, stellen Sie Ihr rechtes Bein auf, Ihr rechter Fuß steht flach auf dem Boden. Jetzt legen sie das linke Bein mit dem Sprunggelenk (Fußknöchel) auf das rechte Knie. Strecken Sie die Arme in Richtung Decke und falten die Hände ineinander.
  • Lassen Sie die Beine in eine Richtung absinken und die Arme in die andere (eine Art Verdrehung der Wirbelsäule). Führen Sie die Bewegung sanft in einem langsamen Rhythmus gegeneinander aus, ohne in eine Dehn-Haltung zu kommen. Es ist nicht wichtig, ob die Schultern abheben oder nicht, oder ob Fuß oder Knie tatsächlich den Boden berühren, sondern dass Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Lendenwirbelsäule richten und spüren, wo Bewegung stattfindet und wo nicht.
Korrektur im Sattel
  • Machen Sie Ihr Pferd mit den Hilfsmitteln bekannt.
  • Sie bestimmen die Gangart (ausgesessener Trab ist am effektivsten, muss jedoch nicht sein). Bei den Gangarten Schritt, Tölt, Jog die angegebene Übungszeit verdoppeln.
  • Sie können die Übung an der Longe ausführen.


1. Übung
Tennisball
Für Reiter, die zu steif sitzen
Im Sattel oder am Boden: auf dem Pferd
Sinn & Zweck: Wahrnehmung, lösen von verspannter Muskulatur
Dauer: etwa drei Bahnrunden (20-mal-40-Meter-Reitplatz)
Gangart: Schritt, Trab oder Galopp, wobei ich einen ausgesessenen Trab empfehle.
Hilfsmittel: Eine Person zum Führen oder Longieren. Ein Tennisball, evtl. Longe

  • Zeigen Sie Ihrem Vierbeiner nach der üblichen Lösungsphase den Tennisball vom Boden aus. Massieren Sie damit den Hals Ihres Pferdes, denn manche Pferde denken, es ist ein Apfel und sind dann irritiert, wenn sie damit herum hantieren. Stecken sie den Ball in die Tasche, steigen Sie auf und legen Sie eine Hand unter Ihren linken Sitzbeinhöcker. Reiten Sie los oder lassen Sie sich führen. Spüren Sie Ihren linken Sitzbeinhöcker, wechseln Sie Ihre Hand und spüren Sie Ihren rechten.
  • Legen Sie den Tennisball unter ihren linken Sitzbeinhöcker und schieben Sie ihn dann etwas nach außen. Reiten Sie auf der rechten Hand, traben Sie langsam an. Ganze Bahn oder Zirkel ist alles, was Sie mit dem Tennisball reiten sollten. Bitte bedenken Sie, Sie sitzen schief auf dem Pferd, reiten Sie also mit dem Gedanken daran, das sie an sich arbeiten. Das Pferd muss in diesen Übungen nur sicher tragen. Reiten Sie fünf Bahnrunden im Trab auf jeder Hand.
  • Verrutscht der Ball, parieren Sie durch und korrigieren Sie dessen Lage. Mit dem Tennisball zu reiten ist zu Beginn sehr unangenehm, jedoch sollte zu keiner Zeit ein stechender Schmerz entstehen.
  • Nehmen Sie den Ball weg, stecken Sie ihn in Ihre Tasche und reiten Sie Schritt. Spüren Sie, wie sich Ihre linke Beckenhälfte anfühlt. Idealerweise fühlen Sie ein Loch, oder der Sattel fühlt sich größer, weiter und weicher an.
  • Wenn Sie diese Dinge nicht spüren, hat der Tennisball entweder zu weit außen oder zu weit hinten gelegen (passiert bei Westernsätteln), oder Sie brauchen noch eine zwei- bis dreimalige Wiederholung.


2. Übung
Für Reiter, die in der Hüfte einknicken oder sich nicht aufrichten
Im Sattel oder am Boden: auf dem Pferd
Sinn & Zweck: Wahrnehmung, Mitte finden, im Schwerelot sein
Dauer: etwa drei Bahnrunden (20-mal-40-Platz)
Gangart: Leichttraben oder Galopp
Hilfsmittel: Eine Person zum Führen oder Longieren. Zwei Gymnastikbandschlingen à zwei Meter in mittlerer Stärke, Longe (falls Sie jemanden haben, der Sie longiert).

  • Nach der Lösungsphase bitten Sie eine Person, Ihnen beim Anlegen der Schlingen zu helfen. Diese wird direkt hinter dem Absatz Ihres Reitschuhs oder Stiefels angelegt. Eine Schlinge führt vom linken Fuß über den Kopf auf die rechte Schulter und umgekehrt. Die Spannung der Gymnastikbänder sollte so stark sein, das sie nach kurzer Zeit das Gefühl haben, das Ihre Absätze von den Bändern hochgezogen werden.
  • Reiten Sie damit im Schritt, Trab oder Galopp.
  • Ziehen sie die Schlingen nach einigen Runden aus und reiten Sie ohne. Sie werden nun durch den imaginären Druck des Gummibandes in der Lage sein, Ihren Oberkörper und ihre Beine und Füße bewusster zu positionieren.

 

Informationen

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Text, Fotos: RK/b

 

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