Reiterphysiotherapie, Teil 1: der Kopf

 

Der Weg zum richtigen Sitz – mit Frauke Behrens

Direkte Informationen erhalten Sie auf der
Webseite: www.kentauros-system.de
 
 
Weitere Artikel von Frauke Behrens
hier online.
 

Reiten ist mehr als einfach auf dem Pferd sitzen. Es ist das Zusammenspiel von Muskeln, Knochen, Gefühl und Stimmung. Alles kann miteinander harmonieren und die Einheit zwischen Mensch und Pferd bilden. Doch oft stellen sich diesem Traum unbewusste körperliche Probleme in den Weg. In der neuen Serie „Reiter-Physiotherapie“ erläutert die Expertin Frauke Behrens, wie Sie Ihre motorischen Fähigkeiten im Sattel verfeinern können. Im 1. Teil: Wie die Haltung Ihres Kopfes Ihren Sitz beeinflusst und wie Sie ihn richtig positionieren können.

Über 206 Knochen befinden sich im menschlichen Körper. Allein 40 Muskeln sind nötig, um die Stirn zu runzeln. Da ist es kein Wunder, dass man so manches Mal in Verzweiflung gerät, wenn der Reitlehrer ruft: „Nimm Deinen Kopf ein bisschen mehr nach oben! Halte ihn gerade.“
Oft sind solche Anweisungen leichter gesagt als getan. Vor allem dann, wenn körperliche Wehwehchen oder alte Angewohnheiten die Ursache der Schwierigkeiten bei der Umsetzung sind und eine Ausführung schier unmöglich scheint. Schnell kommt dann Frust im Sattel auf, der sich nicht nur im Sitz, sondern auch in der Reaktion des Pferdes zeigt.

Ändern kann man dies durch genaue Ursachenforschung. Für Physiotherapeutin Frauke Behrens ist die Videoanalyse dabei ein wichtiges Hilfsmittel. „Nach einer Befundung reiten die Kursteilnehmer ihre Pferde in Schritt, Trab und Galopp vor der Kamera“, erklärt die passionierte Barockreiterin den Kurseinstieg. „Eine gemeinschaftliche Sichtung der Aufzeichnungen und eine ausführliche Besprechung der einzelnen Reitersitze folgt. Gezielte Übungen im Sattel und am Boden werden dann von der praktizierenden Physiotherapeuten ausgearbeitet und den Reitern präsentiert. Spaß und Konzentration gehen Hand in Hand, denn Stimmung und Gefühlszustand prägen den Sitz des Reiters ebenso wie körperliche Abläufe.

Die Idealhaltung des Kopfes beim Reiten

Es scheint ein Idealgewicht, einen Ideal-Partner, Ideal-Job und einen Ideal-Urlaub zu geben. Doch nicht immer ist nur das „Ideal“ das, was zählt, Punkte bringt oder Mensch und Pferd glücklich stimmt. „Auf einer Show-Vorführung bildete ein Reiter, der einen leichten Buckel und eine furchtbare Kopfhaltung hatte mit seinem Pferd eine unglaubliche Einheit“, erinnert sich die 38-Jährige. „Sie piaffierten und überzeugten durch einen äußerst harmonischen Ritt.
Machen Sie sich deshalb immer ein Gesamtbild von sich“, empfiehlt Behrens:

  • Stimmt Ihr persönliches Schwerelot mit dem Schwerpunkt Ihres Pferdes und dem Sattels überein?
  • Sind Sie innerlich ausgeglichen oder aufgebracht?
  • Wie ist der Ausbildungsstand des Pferdes?
  • Wo hat das Pferd seine Schwerpunkte?
  • Was für einen Sattel haben Sie? Gibt er Ihnen den Sitz vor, wie es Dressursättel mit stark hochgezogenem Hinterzwiesel und Pauschen oft tun? Oder lässt er Ihnen viel Platz und Bewegungsfreiheit, wie es bei Western- oder Gangpferdesätteln der Fall ist?

Natürlich hat die Idealhaltung des Kopfes beim Reiten auch eine funktionale Bedeutung: Der Kopf bildet das Endglied des von unten aufkommenden, vertikalen Schwungs und muss insgesamt drei verschiedene Schwungrichtungen auffangen: Die Bewegung des Pferdes wird zuerst vom Zentrum des Reiters (der Mittelpositur), also mit den Hüftgelenken und der unteren Lendenwirbelsäule aufgefangen. Dann wird sie über die Wirbelsäule an den Kopf weitergegeben, wobei Knie, Fußgelenke und Fersen mit nach oben federn und gleich danach wieder in die Ausgangsposition zurückfallen. Wird der vertikale, nach oben gehende Schwung optimal aufgefangen, trifft er aber am Kopf auf eine Blockade, die durch eine Fehlhaltung des Kopfes hervorgerufen wurde, wird dieser Schwung gestaut und fließt zurück. Und hier spielt – neben den beteiligten Gelenken – die Muskulatur eine wichtige Rolle: Sie muss diesen zurückkommenden Schwung wieder abfangen. In diesem Fall kommt es häufig zu Verspannungen zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule. Sind diese einmal aufgetreten, ist es für den Körper fast unmöglich, den Schwung des Pferdes komplett zu transportieren.

Stellen Sie sich vor, dass die Bewegungen des Pferdes, also dessen Schwung und Energie wie ein Fluss durch Ihren Körper strömt. Hat dieser aber keine freie Bahn, da dicke Felsblöcke, also Verspannungen oder Blockaden, das Flussbett durchziehen, wird sein gleichmäßig fließendes Wasser durch Wirbel und Strömungen unterbrochen. Und je schneller das Wasser dann fließt, desto größer werden die Wirbel hinter den Felsen und desto stärker die Verspannungen und Schmerzen in Ihrem Körper.

Die häufigsten Fehlhaltungen – und wie man sie loswird

1. Der Reiter streckt seinen Kopf insgesamt zu weit nach vorne.
Mögliche Ursachen: Zu schwache Nackenmuskulatur; Probleme in den Kiefergelenken; leichte bis schwere Fehlstellungen der Wirbelsäule; das Becken des Reiters ist zu stark aufgerichtet (Stuhlsitz); im Stand belastet der Reiter seine Zehen mehr als seinen gesamten Fuß.
Übungen: 1,3,4,5 am Boden und 1 im Sattel

2. Auf der gebogenen Linie kippt der Reiter seinen Kopf seitlich und dreht das Kinn ganz leicht Richtung Himmel.
Mögliche Ursachen: Einseitig verkürzte Nackenmuskulatur; Gleichgewichtsstörungen; ein Kreuzdarmbeingelenk ist blockiert oder sogar beide; der Muskel „musculus iliopsoas“, der von den Lendenwirbeln bis zum Oberschenkelknochen reicht, ist einseitig verkürzt; Beckenschiefstand; leichte bis schwere Fehlstellungen der Wirbelsäule; schlechte Angewohnheit.
Übungen: 2, 4, 5, am Boden und Übung 1, 2 im Sattel

3. Der Kopf des Reiters liegt zu weit hinten.
Mögliche Ursachen: Im Stand belastet der Reiter die Hacken stärker als den Gesamtfuß; das Becken ist zu weit nach hinten gekippt (Spaltsitz); leichte bis schwere Fehlstellungen der Wirbelsäule; Nacken und Schultermuskulatur extrem verspannt.
Übungen: 1, 2, 4 am Boden und 1 im Sattel

4. Der Reiter dehnt seinen Kopf grundsätzlich nach links oder rechts unten.
Mögliche Ursachen: Einseitige Verkürzung von Nacken- und Schultermuskulatur; Beckenschiefstand; der Muskel „musculus iliopsoas“, der von den Lendenwirbeln bis zum Oberschenkelknochen reicht, ist einseitig verkürzt; leichte bis schwere Fehlstellungen der Wirbelsäule; Gleichgewichtsstörung.
Übung: 1, 2, 4, 5 am Boden und 1, 2 im Sattel

Harmonie durch Übungen am Boden

1. Übung
Standort: Boden
Ziel: Entspannen – Loslassen – zur Ruhe kommen
Dauer: etwa drei bis vier Minuten
Ausgangsposition: Rückenlage
Hilfsmittel: Tennisball
Ausführung: Legen Sie sich einen Tennisball unter den Hinterkopf. Bewegen Sie Ihren Kopf wenig und langsam nach rechts und links, drehen sie ihn nach oben und unten. Versuchen Sie, das Gefühl dafür zu entwickeln, wie sich Ihr Kopf langsam über den Ball schmiegt.

2. Übung
Standort: Boden
Ziel: Entspannung der Nackenmuskulatur
Dauer: etwa drei bis vier Minuten
Ausgangsposition: am Tisch sitzend, beide Hände liegen flach auf der Tischoberfläche
Ausführung: Drehen Sie Ihren Kopf langsam nach links, aber nur soweit, wie es noch angenehm ist. Ihr Oberkörper sollte sich dabei nicht mitbewegen. Merken Sie sich jetzt einen Gegenstand oder Punkt, der am weitesten links liegt und den Sie gerade noch sehen können. Bringen Sie den Kopf wieder in Ausgangsposition und drehen Sie ihn dann wieder langsam zur Seite. Um einen verspannten Blick zu lockern, schauen Sie nach links oben zur Zimmerdecke und dann nach rechts unten auf den Fußboden. Wiederholen Sie diese Augenübung einige Male (bis zu 25-mal). Schauen Sie jetzt noch einmal so weit nach links wie möglich. Sie werden feststellen, dass Sie Ihren Kopf nun weiter nach hinten drehen können, als vorher. Merken Sie sich nun einen Gegenstand, der noch weiter hinten liegt. (Illustration)

3. Übung
Standort: Boden
Ziel: Mobilisation der Kiefergelenke
Dauer: etwa drei Minuten
Ausgangsposition: am Waschbecken stehend
Ausführung: Füllen Sie Ihren Mund mit Wasser und kauen sie dieses genüsslich. Achten Sie darauf, dass Sie gleichmäßig und geschmeidig links- und rechtsherum kauen.

4. Übung
Standort: Boden
Ziel: Stärkung der Rücken und Nackenmuskulatur
Dauer: etwa drei Minuten
Ausgangsposition: Vierfüßlerstand
Ausführung: Begeben Sie sich – am Besten vor einem Spiegel – in den Vierfüßlerstand. Heben Sie Ihr rechtes Bein und Ihren linken Arm an. Wichtig: Das Hinterhaupt, die Wirbelsäule und das Becken müssen dabei eine Linie bilden. Heben Sie Ihr Bein aber nur soweit an, dass es noch in der Waagerechten bleibt. Bauen Sie eine Spannung in dem angehobenen Arm und Bein auf. Kreisen Sie diese in kleinen, schnellen Bewegungen, heben Sie sie gleichzeitig zehn Zentimeter an, um sie dann in die Ausgangsposition zurückzubringen. Pro Seite 30 Sekunden halten, drei Wiederholungen. (Illustration)

5. Übung
Standort: Boden
Ziel: Lösung von Verspannungen im Nacken-Schulterbereich
Dauer: beliebig lang, mindestens drei Minuten
Ausgangsposition: an der Wand stehend
Hilfsmittel: Tennisball
Ausführung: Stellen Sie sich mit dem Rücken an eine Wand und legen Sie den Tennisball zwischen Wand und Ihren Körper. Lasse Sie den Ball wandern, indem Sie Ihren Körper leicht und gleichmäßig auf und ab sowie von links nach rechts bewegen. Erproben Sie Ihre Wahrnehmung ? Wo fühlt es sich gut an, wo ist es unangenehm? Wieviel Druck können Sie ausüben, und wie fühlt es sich im Beckenbereich oder am Kopf an? (Illustration)

Zu Leichtigkeit durch Übungen im Sattel

1. Übung
Standort: auf dem Pferd
Ziel: Wahrnehmung der Fehlhaltung
Dauer: etwa drei Bahnrunden (20-mal-40-Platz)
Gangart: Schritt, Trab oder Galopp, wobei ein ausgesessener Trab empfohlen wird
Hilfsmittel: Tennisball
Ausführung: Zeigen Sie Ihrem Pferd vor dem Aufsteigen den Tennisball, berühren Sie ihn damit. Manche Pferde denken, es ist ein Apfel und sind dann irritiert, wenn sie damit herum hantieren. Klemmen Sie den Ball nach der Lösungsphase zwischen Ihr Kinn und Brustbein. Atmen Sie ruhig und reiten Sie drei Runden in dieser unangenehmen Stellung. Vielleicht werden dies die längsten drei Bahnrunden, die Sie je geritten sind. Doch die Mühe zahlt sich aus: Ohne Ball fühlt sich Ihre Halsmuskulatur anschließend locker an und wird Ihnen bewusster.
Legen Sie den Tennisball jetzt wie einen Telefonhörer auf Ihre zuerst linke und dann rechte Schulter. Halten Sie ihn mit dem linken beziehungsweise rechten Ohr fest. Reiten Sie so drei Runden im Trab oder sechs im Schritt oder Jogg.
Nun positionieren Sie den Ball in Ihrem Nacken.

2. Übung
Standort: auf dem Pferd
Ziel: Übung für das Gleichgewicht
Dauer: etwa drei Bahnrunden, Gangart: Schritt
Hilfsmittel: einen Helfer, der das ruhige Pferd führt
Ausführung: Legen Sie Ihre Hände auf Ihre Ohren und ziehen Sie sich selbst daran hoch. Halten Sie diese Stellung. Massieren Sie nun Ihre Ohren und ziehen Sie sich dann wieder daran hoch. Wiederholen Sie diesen Vorgang drei bis vier Mal. Atmen Sie tief ein, langsam und lang wieder aus. Fixieren Sie jetzt Ihren Blick auf die Ohren des Pferdes, wobei der Kopf des Pferdes auf normaler Höhe sein sollte (nicht zu tief). Diese Übung können Sie machen, wenn Ihnen schwindelig geworden ist, aber auch prophylaktisch erfüllt sie ihren Zweck, da sie die Durchblutung im inneren Ohr anregt. Und dieses ist für den Gleichgewichtssinn zuständig.


Informationen

und zahlreiche Artikel von Frauke Behrens finden Sie hier online bei Goodhorsemanship.de.
Kontaktieren können Sie die Expertin unter:

Frauke Behrens, 29392 Wesendorf
T. 05376 - 977 74 09, Mobil: 0171 - 270 29 22
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.kentauros-system.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Text, Fotos: RK/bh

Copyright © 2017 Goodhorsemanship. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.