Was fühlst Du?

 

Artikel von Leslie Desmond


Was Fühlen ist und was nicht...

Die Möglichkeit des Menschen, sein Pferd zu fühlen und umgekehrt, hat sich über Jahre bewährt und ist für uns alle nachvollziehbar. Wenn du es nur wirklich willst, kannst auch du damit arbeiten. Wenn du anfängst es herauszufinden, wird dir es dein Pferd mit Sicherheit widerspiegeln. Dein Pferd ist tatsächlich jeden Augenblick offen und wartet nur darauf, diesem gegenseitigen Fühlen eine Chance zu geben.

Diese Sache kann nicht über Nacht oder durch Telepathie erworben werden - es ist keine Zauberei, auch kein Wunder, das nur für bestimmte Personen reserviert ist, die mit einer besonderen Begabung ausgestattet sind. Und übrigens, diese Pferdeflüsterer sind erfundene Persönlichkeiten.

Also was ist „Fühlen“? Bill Dorrance sagt es ist die „Hauptsache“. Ich will das etwas erläutern. „Mit dem Pferd umzugehen und es zu veranlassen, den Menschen zu fühlen, ist das Wichtigste in meinem Leben; und das ist die Hauptsache“, urteilt der 90-jährige Dorrance.

Dorrance hat praktisch dieses ganze Jahrhundert über Pferde erfühlt. Mit vier Jahren hat er schon Hühner auf seinem Steckenpferd zusammengetrieben, ist mit seinem Bruder ausgeritten, hat das Lasso geworfen und fast jeden Tag mit Pferden gearbeitet. Und deswegen glaube ich ihm, wenn er sagt, Fühlen ist die Hauptsache.

Aber warum hat er das gesagt?
Fühlt der Reiter sein Pferd nicht, kommuniziert er mit ihm über Gewalt und fordert somit den Widerstand des Pferdes heraus. Durch Gewaltanwendung erzeugt der Reiter beim Pferd Verspannungen. Stattdessen hat der Reiter mit Gefühl die Möglichkeit, das Pferd zu bitten, auf ihn zu reagieren. Er sollte dies in respektvoller Art und Weise tun, und nicht mit der Einstellung, dass er das Recht hat, dieses und jenes zu fordern..

Und so funktioniert es.

Wenn der Mensch das Pferd auffordert etwas zu tun, muss er es sehr sorgfältig beobachten. Hat er seine Bitte geduldig wartend seinem Pferd näher gebracht, wird dieses, gemäß seiner natürlichen Veranlagung, einen Weg suchen, um sich von dem Druck zu befreien. Der Mensch muss warten und gut beobachten, um die kleinste körperliche oder mentale Veränderung im Pferd wahrzunehmen, welche ihm zeigt, dass das Pferd auf den von ihm ausgeübten Druck reagiert. Diesen Augenblick der Veränderung gilt es so schnell wie möglich zu erkennen. Solch eine Veränderung kann z.B. ein sich leicht bewegendes Ohr sein, ein weicher werdender Ausdruck im Auge des Pferdes, ein Ausatmen oder die Verlagerung des Gewichts von einem auf das andere Bein. Egal welche Reaktionen auftreten, es muss augenblicklich der Druck am Pferd aufhören.

Entlässt man das Pferd augenblicklich und jedes mal aus dem Druck, sobald es beginnt, die erwünschte Reaktion zu zeigen, wird in Zukunft immer weniger und weniger Druck nötig sein, um schnellere und genauere Reaktionen zu erzielen. Wenn sich dieser Prozess zwischen Mensch und Pferd abspielt, entwickelt sich ein Band zwischen den Beiden. Für Mensch und Pferd kann diese Art der Annäherung der Anfang einer vollkommenen Pferde- Mensch Beziehung sein. .

Ich glaube nicht, dass es für ein Pferd möglich ist, dem Menschen ohne diese Annäherung, wirklich tief zu vertrauen. Wenn also das Pferd durch leiseste Anzeichen zu erkennen gibt, dass es die Absicht des Menschen verstanden hat, muss der Mensch sofort mit Wegnehmen des Drucks reagieren. Hierbei wird geduldiges Warten auf diese Anzeichen Hast und Gewalt ersetzen und somit die Basis geschaffen, wo sich gegenseitiges Fühlen entwickeln kann. Mögliche Anzeichen können sein, dass ein Pferd seine Füße bewegt, seinen Schritt verlangsamt, sich im Körper biegt oder seine Füße anhält. So lernt das Pferd den Menschen zu fühlen und aus dem körperlichen Druck, oder der Gegenwart des Menschen, die gewünschte Reaktion abzuleiten.

Es fühlt wann und wo der Druck eingesetzt wird und wie schnell und vollständig er wieder aufhört. Durch konsequente Wiederholung dieser Art der Annäherung, bekommt der Mensch immer mehr gewünschte Reaktionen, ausgelöst durch immer weniger Druck. Eines Tages wird nur noch eine kaum sichtbare körperliche Anregung nötig sein. So lernt das Pferd, ein Teil des Menschen zu sein, seine Anweisungen auszuführen und kommuniziert mit ihm durch gegenseitiges Fühlen. Es muss also für das Pferd einen sinnvollen direkten Zusammenhang zwischen Anforderung (Druck) und Belohnung ( Druck wegnehmen) zu erkennensein. Diese Aufgabe hat der Mensch.

Später, wenn das Timing verbessert und die Beobachtungsgabe gut entwickelt ist, wird nur noch ein Gedanke nötig sein, um die gewünschte Reaktion beim Pferd auszulösen. Falscher Umgang mit der Gerte, Sporen oder grobe Handeinwirkungen werden mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund treten. Solche Dinge sollten sogar ganz und gar verschwinden, denn sie bringen die erbärmlichsten Ergebnisse hervor. Direktes und indirektes Fühlen Ganz egal, wie man sich einem Pferd annähern will, man sollte sich das Fühlen dabei total verinnerlichen. Damit ist die direkte körperliche Kontaktaufnahme genauso gemeint wie die indirekte, indem sich der Mensch einfach im Umfeld des Pferdes aufhält. Hierbei erlebt das Pferd den Tonfall der Stimme, die Gemütsverfassung, das Auftreten, die Körpersprache, den Körpergeruch und auch die Absicht des Menschen. Das sind alles Dinge, die das Pferd mit seinem scharfen Wahrnehmungssinn in seiner Umwelt erfasst.

Das Pferd kann keine Gedanken lesen. Aber es kann den Menschen mit all seinen Sinnen fühlen und reagiert dann entsprechend seiner Empfindungen. Es entscheidet z. B., ob es beim Menschen bleiben, mit ihm gehen, oder ob es in aller Eile davon rennen will.

Reaktionen des Pferdes auf direktes Fühlen entstehen durch die Berührung mit der Hand, dem Führstrick oder dem Putzzeug, einfach durch alles, mit dem sein Körper berührt wird. Auf all diese Aktivitäten zeigt das Pferd sichtbare Reaktionen, die durch gutes Beobachten zu erkennen sind.. Außerdem sollte man akzeptieren, wenn sich ein Pferd dem Reiter und dessen Druck entziehen möchte, wenn es den Druck aggressiv erlebt. Entweder will das Pferd mit dem Menschen sein oder es will nicht. Entweder versteht es seine Botschaft oder nicht.

Weitere Informationen unter www.lesliedesmond.com

Text & Fotos: Leslie Desmond / Rika Schneider

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