Praxis-Tipp von Bernd Hackl

 

Gekonnt ins Gelände

 


 

 

Ausreiten mit Herz & Verstand

 
 
 

Für viele Reiter trägt das Ende der tristen Hallensaison einen Namen: Frühling! Endlich wieder Ausreiten, Sauerstoff tanken und mit dem Pferd zusammen die Wälder und Wiesen erkunden. Was sich so harmonisch anhört, ist für viele Reiter und Pferde purer Stress: das Pferd ist zu schnell, zu schreckhaft, rast in der Gruppe, klebt an seinem Kumpel oder hat Angst vor Hunden - die Liste der Herausforderungen ist lang. Unsere Experten erläutern in der Serie ‚Gekonnt ins Gelände', wie man mit seinem Pferd ‚Hürden' meistert und im Gelände ein harmonisches Miteinander entwickelt.

Die vier Reiter wirken nervös, ihre Pferde tippeln den Waldweg entlang, einer seitwärts, der andere fast im Unterholz. Das Ziel: eine riesige komplett eingezäunte Wiese durch die ein Bach läuft. Erste buckelnde Ansätze bei Quarter Horse Chester, der seinen Kumpel im Vordergrund nicht aus den Augen verlieren möchte. Für einen langen Ausritt wäre diese Konstellation von Reiter-Pferd-Paaren fatal, doch auf dieser Wiese findet der Geländekurs mit Ausbilder Bernd Hackl statt.

Die Lösung liegt in einem selber

"Ich möchte, dass ihr Euch einen Partner sucht und mit diesem zusammen einen imaginären Reitplatz hier auf der Wiese absteckt", erklärt der Süddeutsche sein Vorhaben. Belinda und Maike machen sich deutlich, welcher hohe Grashalm die lange Seite begrenzt und welche Bodenunebenheit die kurze Hallenseite markiert. "Und schon veränderte sich was", erklärt Belinda, die im Gelände vor allem in der Gruppe Schwierigkeiten mit ihrem Barnie hat. "Ich gebe den Reitern - oder sie geben sich selber - einen Rahmen, in dem sie sich im Kopf sicher fühlen. Jetzt kommen die Übungen dazu, die sie bei mir am Vortag im Kurs ja schon in der Halle bewältigt haben", erklärt Hackl "Ich möchte, dass ihr jetzt die lange Seite runter trabt und an der kurzen Seite anhaltet, ein paar Schritte Rückwärtsrichtet und dann nach innen umdreht und in die andere Richtung reitet. Jeder für sich. Wichtig: an der Band ist Schluss. Sie ist aus Holz, ihr könnt dort nicht weiter, kommen, was wolle. Wenn das bedeutet, dass ihr mal mehr Druck im Gebiss machen müsst als Euch lieb ist, dann ist das so. Was, wenn ihr im Gelände auf eine Schlucht - oder in Deutschland eher auf eine Strasse - zureitet? Mit Streicheln kommt man da nicht weiter", mahnt Hackl, der schon in den Vorübungen darauf achtet, dass die Basisausbildung von Reiter und Pferd weit genug ist, damit ein Pferd die Hilfengebung auch solide versteht. "Es ist unglaublich, ich bin auf einer großen weiten Wiese und kann mein Pferd anhalten, umdrehen, ja sogar die Aufgabe unsere Pferde an der langen Seite Seitwärtsgänge vollführen zu lassen, hat einwandfrei funktioniert. Barnie ist hier ein wenig flotter und guckiger als üblich, aber er macht alles was ich möchte. Es ist nur eine Sache im Kopf."

Das Bild formt die Taten

Bernd Hackl ist sich bewusst darüber, dass es häufig nur eine Kopfsache ist: "Ist der Reiter klar, weiß wie der nächste Schritt ist und formt die Bilder dazu schon in Gedanken, dann ist die Übung im Gelände die gleiche wie die auf dem Reitplatz. Das Pferd fühlt die Sicherheit und die Absichten des Reiters im Sattel und kann sich daran orientieren. Ist dieser aber planlos, weiß nicht ob er die Wiese quer oder längst reiten soll, ist er unsicher - dadurch im Sitz unstabiler - und mit der Zügelhand härter, hat das Pferd keinen stabilen Führer, an dem es sich orientieren kann. So spielt sich das dann oft hoch und Reiter und Pferd haben keine Führung mehr. Und wenn der Mensch nicht klar den nächsten Schritt angibt, wird das Pferd entweder nervös und hilflos oder es übernimmt einfach selber die Führung". Zum Ausdruck kommt dies in Form von Rennen, Scheuen, Buckeln oder Trippeln - die Liste der Symptome sind lang. Unsicherheit und Angst des Reiters spielt dabei auch immer eine Rolle. "Deshalb nutze ich im Gelände gerne Übungen mit den Reitern, die sie von der Platzarbeit mit mir kennen. Die Abläufe sind im Körper gespeichert und können dadurch auch bei Angst abgefragt werden. Und einmal begonnen, ersetzt die Körperaktion häufig die Unsicherheit. Reiten, Üben und Arbeiten, anstatt darüber nachzudenken, was passieren könnte."

Sicher durch Basisarbeit

In der Kurssituation, in der die Reiter dann auch außerhalb ihres ‚Reitplatzes' reiten - zum Beispiel von einem Reitplatz zum anderen - ist Hackl als Ausbilder da, an den sich die Teilnehmer halten können, der Tipps gibt und auch eingreifen kann, wenn der Besitzer mit dem Pferd zu große Schwierigkeiten hat. Im wahren Leben aber, Zuhause, sieht das meist nicht so aus. Hier empfiehlt Hackl: "Das A und O eines sicheren Ausritts für Reiter und Pferd ist, das beide eine gute Basis haben. Das heißt: das Pferd muss vom Reiter in allen drei Gangarten leicht und locker zu reiten sein. Übergänge von Galopp-Trab-Galopp-Schritt sollten geschmeidig auf dem Außenreitplatz und in der Halle geritten werden können. Sind die Pferde aber schon auf dem Reitplatz ‚heiße Öfen', die mit einem Satz in den Galopp springen und schneller sind als geplant, dann sind sie noch nicht sicher genug, um sie mit ins Gelände zu nehmen. Fangen spielen in der Halle mit einem Partner, das Pferd mit langem Zügel von Punkt zu Punkt wird Ihnen auch in der Halle schon zeigen, wie rittig es ist oder ob es ihnen bei rasanteren Übungen zu schnell wird oder schlechter zu lenken ist. Merken Sie, dass das Pferd beim Fangen spielen hoch schaltet und schlechter zu kontrollieren ist, nutzen sie die Chance und üben sie, es kontrolliert und weich zu reiten in der Halle oder in einem anderem sicheren, eingezäunten Umfeld, bevor es in den Busch geht. Auch wenn die Vöglein schön zwitschern und Ritt ins Grüne verlockend ist". Ob Sie Western-, Englisch- oder Barockpferdereiter sind spielt dabei keine Rolle - ein rittiges, weiches Pferd, das auf seinen Reiter horcht ist in jedem Outfit sichtbar.

Alleine reiten oder mit Begleitung?

Ob sie das erste mal mit ihrem solide angerittenen Jungpferd ins Gelände gehen, mit ihrem neu gekauften Pferd, das sie noch nicht so gut kennen, oder mit einem Pferd, dass ihnen nicht gehört, - achten sie unbedingt auf die richtige Begleitung. "Auch wenn es noch so verlockend ist, mit Freunden raus z umgehen - wenn diese vom Typ ‚ich heize mal unkontrolliert durch die Gegend' sind, sollten sie auf den gemeinsamen Ausritt verzichten", rät der Horsemanship-Trainer. "Ein ruhiges, erfahrenes Geländepferd an der Seite ist das Beste, das sie und ihr Pferd erfahren können. Es wird die nötige Ruhe und Selbstverständlichkeit im Gelände mitbringen, an dem sich ihr Pferd ein orientieren kann. Mit so einem Bekannten können Sie förderliche Übungen im Gelände machen: Kurze Distanzen voneinander weg reiten, wieder kommen, an dem Pferd vorbei und wieder nebeneinander. Mal den Vormann antraben lassen, aber selber im Schritt bleiben, dann pariert der Vormann durch, bleibt stehen und sie schließen sich ihm immer noch im Schritt an. Beide Partner sollten unabhängig voneinander Richtung und Tempo ihrer Pferde bestimmen können, ohne, dass sich die Pferde dabei aufregen. In kurzen Distanzen, nah beieinander geübt, verstehen die Pferde dies schnell. Nach und nach kann dann die Distanz verlängert werden. Wenn Sie so einen guten Geländepartner allerdings nicht finden, sind sie sogar alleine besser bedient als mit unkontrollierten Chaoten. Binden Sie sich ein Strickhalfter mit langem Führseil unter die Trense und sollte es tatsächlich zu einer schwierigen Situation kommen, können Sie zur Not absteigen und ihr Pferd wie in der erlernten Bodenarbeit handhaben. Versuche sie aber, gar nicht erst soweit zu kommen. Ein kleiner Ritt in der Nachbarschaft genügt für den Anfang: vielleicht sogar nur zehn Minuten um den Hof herum. Klappt das gut, kann die Runde nach und nach weiter ausgebaut werden, bis der Gang ins Freie Selbstverständlich ist.

Für den Fall der Fälle

Um in einem Notfall helfend eingreifen zu können, sollten gerade Reiter im Gelände Erste Hilfe-Ausrüstung dabei haben. Notdürftiges schienen, verbinden oder ruhig stellen eines Körperteils sowie den Verunfallten in eine stabile Seitenlage bringen bis der Notarzt kommt, sollte jeder können. Wenn nicht, wird es Zeit, diese Fähigkeiten in einem Erste Hilfe-Kurs nachzuholen, denn dies kann unter Umständen Leben retten. Auch dem Tier kann man bei Unfällen lebensrettende Hilfe leisten. Hierzu werden Erste Hilfe Kurse angeboten.
Folgendes sollte bei einem Ausritt - vor allen bei längeren Routen - in Ihrem Gepäck sein:
• Handy: Ein Mobiltelefon, um sofort den Notarzt rufen zu können. Ihr Handy sollten Sie stets am Köper tragen und auf keinen Fall am Sattel befestigen- auch wenn es dafür hübsche Täschchen gibt! Denn wenn Sie stürzen und Ihr Pferd galoppiert mit dem Handy am Sattel über alle Berge galoppiert, nützt Ihnen das herzlich wenig. Viele Reitjacken haben Handtaschen.
• Material zum notdürftigen Versorgen von Wunden (kann beim Gruppenausritt auf mehrere Reiter verteilt werden):
geknickte Verbandsschere, Desinfektionsmittel (Aluspray o. ä.), welches wegen der möglichen Erwärmung bei Wanderritten am besten ohne Treibgas sein sollte; desinfizierende Salbe, Papierwindeln (Watterollen), Handtuch und Bandagen, Novaminsulfidzäpfchen, Klebeband, Fieberthermometer (zwei mitnehmen, falls eines kaputt geht), Nasenbremse, Einwegspritze (zum Spülen/desinfizieren von schwer zugänglichen Wunden), Taschenmesser (sollte ein Reiter immer dabei haben) .

Helm & Weste

Bei einem Tier kann man nie für einen ‚problemlosen' Ritt garantieren. Man kann und sollte sich aber vor möglichen Gefahren schützen. Ausreiten mit Helm hat sich zwar noch nicht ganz durchgesetzt, obwohl ein Aufprall des Kopfes auf Beton, gefrorenen Boden, Baumstämme oder Steine zu lebensbedrohlichen Diagnosen führen kann. Ein Helm kann Leben retten. Die Wirbelsäule kann beim Sturz durch eine Sicherheitsweste geschützt werden. Lassen Sie sich beim Kauf von Sicherheitsausrüstungen gut beraten und sparen Sie nicht am falschen Ende.

Weitere Informationen zu Bernd Hackl

Auf folgener Homepage finden Sie Informationen zu
dem Ausbilder und seinen Angeboten für Pferdeleute:

www.berndhackl.de

 

 

 

 

Text & Fotos: Rika Schneider

 


   

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