Horsemanship aus erster Hand

 

Buck Brannaman – Thoughts

Buck Brannaman ist der wohl bekannteste Horseman des Westens der USA, der auch über den großen Teich hinaus bekannt geworden ist. Ehemals Schüler von Tom Dorrance und Ray Hunt, wuchsen seine Seminare, mehr und mehr Zuschauer besuchten seine Vorführungen mit Pferden jeder Rasse und Reitweise. Eines ist Buck Brannaman über die Jahre geblieben: authentisch am Pferd. Die amerikanische Autorin Emily Kitching fasste einige Gedanken zu seinem Leben mit Pferden für Sie zusammen.

Zentrieren eines Jungpferdes

Ein junges Pferd wird nur für einige Momente in der Mitte bleiben können. Auch wenn ich viel daran arbeite, den Jungspund auf eine Linie zu bekommen, lasse ich das Wichtigste nicht aus den Augen: Sobald das Pferd die richtige Position findet, bin ich so ruhig und friedfertig wie ich nur sein kann. Zu Beginn wird dem Pferd das nicht allzuviel bedeuten. Doch schon bald wird es merken, dass sich ein ruhiger Reiter sehr gut anfühlt, und es wird nach der Mitte des Rechteckes suchen.

Dein Pferd möchte mit dir auf dem Rücken wirklich gut auskommen. Doch wenn du ihm niemals zeigst, wo es sein soll, wirst du quer durch die Gegend hüpfen. Es wird dann niemals lernen, sich zwischen deinen Beinen und Zügeln zu bewegen.

Während ich letzte Woche auf einem Jungpferd einige Rinder einfing, wusste ich immer, wo sich mein Pferd innerhalb des Rechtecks bewegt – auch als ich im Galopp einem Rind folgte. Drückt das Pferd gegen meine Hand, nähert es sich der vorderen Rechteck-Linie. Dann musss ich es vielleicht langsam zurücknehmen. Drückt es nach hinten und nähert sich dieser Linie, muss ich es nach vorne bringen; und weicht es nach rechts oder links aus, bringe ich es mit meinen Schenkeln wieder zurück zur Mitte. Bewegt es sich diagonal in eine Ecke oder schwenkt seine Vor- oder Hinterhand aus, kann ich das Pferd mithilfe meiner Zügel und Schenkel wieder gerade in die Mitte bringen.

Sobal mein Pferd diese Position gefunden hat, gebe ich nach. Es kann sich dort vielleicht noch nicht lange halten, so dass ich ihm wieder helfen muss, die Stelle zu finden. Ich versuche dies aber so zu gestalten, dass ich nicht auf ihm herumhacke. Ich mache mir nur bewusst, wo er ist, und dirigiere ihn dahin, wo er hin soll. Dein Rechteck geht immer mit dir mit, und aus diesem Grund ist es ganz gleich, ob du in einer Volte oder auf einem Zirkel gehst – eine Mitte ist immer vorhanden.

Wenn deine Koordinationsfähigkeit nicht ausgereift ist und du erst bemerkst, dass Dein Pferd über die imaginäre Linie hinausgelaufen ist, wenn es auf der anderen Reitplatzseite angekommen ist, dann ist es zu spät. Du hast die Möglichkeit verpasst.
Die Vorstellung davon, wo die Mitte deines Pferdes ist, muss Dir beim Reiten die ganze Zeit bewusst sein. Nimm seinen ganzen Körper wahr. Das ist es, woran ich beim Reiten denke, und ich denke niemals nicht daran.

Geh behutsam daran, dein Pferd wieder zur Mitte zurückzubringen. Korrigierst du zuviel, oder gibst du nicht früh genug nach, kann es passieren, dass du direkt über die Mitte hinaus über die Linie der anderen Seite schießt. Da zusammen mit Deinen Hilfen immer ein gewisser Anteil an Abweichung kommt, musst du deine korrigierende Hilfe schon wegnehmen, bevor dein Pferd die Mitte erreicht hat, damit es genau am richtigen Platz ankommt. Übertreibst du all deine korrigierenden Hilfen, wird dein Pferd von all den imaginären Linien abprallen. Das Ergebnis ist dann ein sehr verwirrtes und verunsichertes Pferd.   

Unterdrückung durch den Reiter

Auf meinen Pferden gebe ich kontinuierlich Hilfen und gebe dann wieder nach. Pferde kann man nicht in der Mitte halten. Seit über 40 Jahren gebe ich Kurse, so dass meine Beobachtungen auf Fakten basieren; die am wenigsten zentrierten Pferde, die mir in all den Jahren begegnet sind, waren Dressurpferde (denken Sie jetzt nicht eine Minute daran, das ich Dressur schlechtmachen will, denn wenn ein Pferd von einem guten Reiter korrekt geritten wird, ist es wunderschön – besser kann's nicht werden). Aber ich rede von dem Reiter, der seinem Pferd nicht die Möglichkeit gibt, die Mitte zu finden, geschweige denn ihm die Wahl lässt, dort zu sein. Ich rede von dem, der sein Pferd zu sehr eingrenzt und versucht, es am rechten Platz zu halten. Seine Pferde gehen direkt über die vordere Linie hinweg. Und unterdrückt der Reiter sein Pferd, geht es auch durch die hintere Linie und wird stumpf gegenüber Schenkelhilfen. Dies kann mit jedem Pferd, jeder Disziplin passieren, wenn der Reiter ein unterdrückendes Verhalten an den Tag legt.

Wenn Reiter Probleme haben, dann geben sie dem Pferd meist nicht genug Raum, die Mitte zu finden. Mit ihrer unterdrückenden Reitweise zwingen sie das Pferd, dass zu tun, was sie wollen. Sie denken, sie können das Pferd in die Mitte zwingen und dort halten. Aber das Pferd muss die Mitte suchen und finden, man kann es nicht dorthin zwingen. Ganz gleich welche Reitweise – diese Dinge sind überall identisch. Das Pferd, organisiert zu bekommen, auf den Punkt genau zu reiten, ist bei allen Disziplinen gleich.
    
Manchmal fragen mich Pferdebesitzer, was ich mit ihrem Pferd machen würde, wenn es meins wäre. Ich sage ihnen, ich würde ihr Pferd reiten, so wie ich meine Pferde reite, bis es aussieht wie eines meiner Pferde. Ich mache da nichts anderes. Wenn Du ein älteres Pferd hast, dem einige Kindergarten-Sachen fehlen – geh zurück und hole sie nach. Alter spielt keine Rolle. Das Pferd braucht vielleicht ein bisschen länger, da es einige alte Geschichten verarbeiten muss, aber es wird sich sehr viel schneller ändern, als manche Menschen es tun könnten.

Hast du einmal gute Horsemanship gesehen und gelernt, was man tun kann, um dem Pferd zu helfen, ruhiger und verlässlicher zu werden, warum solltest du die Dinge dann nicht tun? Ganz gleich, wie alt Dein Pferd ist, biete ihm dein Bestmögliches an. Wenn du dich anpassen kannst, kann es dein Pferd auch. Pferde können sich enorm ändern. Es gibt immer Hoffnung.

Text und Fotos © Emily Kitching/RK / b

Informationen & Termine zu Buck Brannaman finden Sie unter www.brannaman.com

 

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