Reiten mit Gefühlsskala

 

Amanda Barton: Veränderung beginnt im Kopf

 
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Ein angespannter Muskel, ein verkrampfter Finger, ein ängstlicher Gedanke – und schon wehrt sich das Pferd gegen die Hand oder verweigert am Sprung. Die Engländerin Amanda Barton, Schülerin des bekannten Ausbilders Mark Rashid, hat deshalb Körperbewusstsein und die Kraft der Gedanken zu ihrer Ausbildungsphilosophie gemacht.

Eigentlich läuft Gabriele Meinerts Galileon fleißig und harmonisch. Doch hin und wieder hebt er den Kopf und drückt gegen das Gebiss. Einer der Gründe, warum die Reiterin zu Amandas Bartons Kurs in der Nordheide gekommen ist. Die Ausbilderin, seit sechs Jahren Schülerin und Assistentin des amerikanischen Trainers Mark Rashid, sagt: „Obwohl wir es eigentlich gar nicht möchten, bringen wir unseren Pferden häufig bei, wie ein Hirsch zu laufen.“ Und tatsächlich: Fast jedes zweite Mal, wenn der Wallach den Kopf hochnimmt, lässt die Reiterin die Zügel etwas locker. „So spürt das Pferd keinen Druck mehr im Maul, wenn der Kopf an höchster Stelle ist und lernt so, dass das die angenehmste Position ist. Bei manchen Pferde muss dies nur wenige Male geschehen, und schon hat man sich einen „Hans guck in die Luft“ erzogen."

Druck von null bis zehn

Ein Schwerpunkt von Amanda Bartons Arbeit ist, den Reiter beim „Fühlen-Lernen“, bei der Sensibilisierung für Druck, zu unterstützen. „Ich könnte Gabriele jetzt sagen: lass die Hand stehen und warte, bis das Pferd wieder nachgibt. Dies würde ihr aber morgen alleine auf dem Reitplatz oder bei anderen reiterlichen Problemen nicht wirklich weiterhelfen. Ich möchte, dass meine Schüler fühlen lernen. Jeder Reiter mit seinem Pferd hat ein anderes Gefühl für Druck. Was für den einen als leicht empfunden wird, ist für einen anderen vielleicht grob.“ Aus diesem Grund lässt die 37-Jährige, die mit ihrem Mann Peter und fünf Pferden in der lieblichen Landschaft rund um Southampton zu Hause ist, die Schüler im Vorfeld entscheiden, wie sich das Gefühl in ihrer Zügelhand anfühlen soll. Auf einer Skala von null bis zehn – bei der Null keinen Druck und bei der Zehn so viel, wie man höchstens anwenden möchte, bedeutet – soll sich Gabriele Meinert überlegen, wieviel ihr Pferd Galileon am Zügel im Schritt wiegen soll. „Ich habe mich für eine drei entschieden, denn ganz weich, das schaffen wir leider noch nicht. Nun fällt mir auch auf, dass der Druck, wenn der Kopf hoch kommt, größer sein muss. Ich denke, eine Sieben.“ Die Tatsache, dass die Reiterin ein klares Bild vor Augen hat, fokussiert sie, und sie hat das Problem ruckzuck selbst gelöst. „Es geht darum, eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie sich der nächste Schritt anfühlen soll. Weiß man dies nicht, ist es für den Reiter und erst recht für das Pferd eine ziemlich schwammige Angelegenheit“, erklärt Barton.

Unterricht ohne Lob

Die Inhaberin einer Software-Trainings-Firma, die seit 20 Jahren in den Bereichen Software, Finanzwesen, Segeln und Horsemanship unterrichtet, hat ihre eigene Gefühlsskala bei Mark Rashid, Reitausbilder und Meister in der asiatischen Kampfkunst Aikido, in einer recht harten Schule entwickelt. „In Asien werden Schüler oft nicht gelobt, da vermieden werden soll, dass sie etwas nur tun, um dem Lehrer zu gefallen. Mark macht das ähnlich. Er hat mich noch nie gelobt, und so waren meine ersten Jahre oft schwer, weil ich nie wusste, ob ich was falsch oder richtig machte. Ich schaute ihm immer genau zu, versuchte seine Übungen unter seiner Anleitung bestmöglich auszuführen – oft, um es ihm recht zu machen. Da ich aber nie wirkliches Feedback bekam, begann ich, nach und nach ein eigenes Gefühl dafür zu entwickeln, wann ich etwas richtig mache – oder nicht. Ich setzte mir einen Maßstab, wie weich sich etwas anfühlen sollte, und beobachtete immer die Pferde, wie sie sich fühlen. Das Pferd war in diesem Fall immer mein Richter und bestätigte mich, wenn ich etwas richtig machte. Ich begann also, mein Gefühl über meine Skala entscheiden zu lassen. Heute sehe ich dies als größtes Geschenk – ich mache nichts, um es vor irgendwem gut zu machen, sondern nur, damit es sich zwischen dem Pferd und mir gut und harmonisch anfühlt.“ So ist die Engländerin, die mindestens dreimal im Jahr auf Mark Rashids Ranch in Colorado trainiert und zwischendurch von seiner langjährigen Assistentin Kathleen Lindley gefördert wird, alles andere als eine Kopie des Trainers, der durch seine Bücher und seine Tournee 2007 auch in Deutschland bekannt wurde. „Begonnen hat alles vor etwa sieben Jahren, als ich für den Horseman Steve Halfpenny Kurse organisierte und auch eine seiner Ausbilderinnen wurde. Als ich ein Jahr später Marks Arbeit mit Pferde kennenlernte, war sofort klar: so möchte ich mit Pferden und dem Leben umgehen. Dabei will ich aber nicht in Marks Fußstapfen treten, sondern meinen eigenen Weg gehen. Wichtig beim Unterrichten sind mir eine gute Didaktik, Fachkenntnisse, das Gespür für die Bedürfnisse des Reiters, egal aus welcher Reitweise er kommt, und Spaß."

Entscheide, was du fühlst!

„Nur wer ein guter Mensch ist, kann auch ein guter Horseman sein“. Ob an diesem Spruch was dran ist oder nicht, muss jeder selbst entscheiden, doch für Barton steht eins fest: das Pferd spiegelt direkt jede innerliche und äußerliche Regung des Reiters wider. Ist man unklar und hat keine Vorstellung von dem, was man möchte, ist man hektisch, ungeduldig, wütend, ängstlich oder grobmotorisch – das Pferd spürt dies und reagiert darauf. „Es ist nicht wichtig, welche Eigenschaften der Reiter mitbringt, es gibt auch keine guten oder schlechten, es ist nur wichtig, wie man mit ihnen umgeht. Man muss sie erkennen und willens sein, daran zu arbeiten.“ Die Kraft der Gedanken ist ein ganz wesentlicher Punkt der passionierten Spring-, Distanz- und Dressurreiterin. „Sagt ein Schüler zum Beispiel: ‚Ja, vielleicht schaffe ich es diesmal, richtig anzugaloppieren', so trägt dieser Satz eine Chance von 50 Prozent Erfolg, aber durch das Wort vielleicht auch 50 Prozent von Misserfolg in sich. „Durch die Wahl der Worte blockieren wir uns häufig unbewusst – und das in allen Lebensbereichen. Die Worte, die wir wählen, haben direkte Auswirkungen auf das, was in unserem Leben und auch beim Reiten passiert. Worte kann man bewusst wählen und dadurch seine Persönlichkeit verändern, aber auch Emotionen kann man kontrollieren“, sagt Amanda Barton. „Früher habe ich das nicht wirklich geglaubt, heute weiß ich es. Man kann zum Beispiel entscheiden, ob man traurig sein möchte oder nicht. Mark ist ein lebendes Beispiel, aber erst vor einigen Monaten, als ich meine Lieblings-Nachwuchsstute an einer Sprunggelenk-Entzündung verlor, habe ich seine Philosophie wirklich begriffen. Ich ging an demselben Tag spazieren. Die Sonne schien und färbte die Blätter golden, eine leichte Brise wehte über die Felder, und ich konnte meine anderen Pferde zufrieden grasen sehen. Der Tod meiner Stute Hatti könnte mich nun ein halbes Jahr außer Gefecht setzen, schwer und dunkel an mir nagen. In diesem Moment aber habe ich verstanden, dass man entscheiden kann, wie man sich fühlt. Ich entschied, jede Minute glücklich mit meinen anderen Pferden zu leben und mit gutem Gewissen an Hatti zu denken. Es ist natürlich nicht immer einfach, seine eigenen Gefühle so zu beeinflussen, aber es wird immer einfacher, je bewusster man sich der eigenen Stärke wird.“

Jeder Muskel entscheidet

Neben der Kontrolle der Gedanken, die Barton den Schülern in Aikido-Übungen am Boden vermittelt, ist das eigene Körpergefühl, bewusstes Atmen und Bewegen, wichtig. Gabriele Meinert erfährt dies am eigenen Leib. „Auch beim Rückwärtsrichten lehnt sich mein Pferd immer wieder ein bisschen gegen das Gebiss. Amanda steht neben mir am Boden, weist kurz auf meinen Oberarm und sagt: ‚Du spannst diesen Muskel hier oben an; lass ihn mal locker‘. Und schwups: das Pferd wird in der Sekunde weich und gibt nach. Dies war ein echter Augenöffner für mich“, erinnert sich die Reiterin aus Münster. Amanda Barton sagt: „Pferde reagieren auf jeden an- oder verspannten Muskel des Reiters ebenfalls mit Anspannen eines Muskels. Je verspannter also der Reiter, desto fester und in unseren Augen oft widerspenstiger ist das Pferd. Will man ein guter Reiter sein, muss man an sich arbeiten. Der eine fühlt sich bei Feldenkrais wohl, der andere bei Yoga, Aikido oder Ballet – jeder hat da seine eigenen Präferenzen. Wichtig ist nur, dass es etwas ist, das den Fokus auf die Mitte des Körpers legt.“ Gutes Reiten ist laut der Britin weit mehr als nur Technik. „Wer sich wachsam beobachtet und immer versucht, harmonische Lösungen im Leben zu finden, der wird dies auch beim Reiten so handhaben und auf das Pferd hören. Man kann Lösungen finden, wie man mit der eigenen Ungeduld bei Kindern, Arbeitskollegen oder in der Warteschlange umgeht, man kann Timing und Gefühl bewusst verbessern, beim Kochen, Skifahren, Bürsten des Hundes und so weiter – die Palette ist vielschichtig. Unentwegt fühlen, anpassen, überlegen und entwickeln – das macht einen offenen und einfühlsamen Reiter aus. Das Pferd gibt dabei stets die direkte Antwort.“



Veränderung beginnt im Kopf

Seine Gedanken und Gefühle bewusst zu beeinflussen, ist nicht immer einfach. Amanda Barton versucht ihren Schülern mit verschiedenen Methoden dabei zu helfen. „Ich habe neurolinguistisches Programmieren (NLP) studiert und arbeite permanent an mir, wozu auch das tägliche Praktizieren von Yoga gehört. Als NLP-Ausbilderin, NLP-Sportausbilderin und Life-Coach ist es mir eine besondere Freude, an Themen wie Angst beim Reiten oder Springen sowie an mentaler Vorbereitung für Turnierreiter zu arbeiten“, sagt Barton, die derzeit ihren Master in NLP macht. „Lese ich eine neue Studie über die Funktion des menschlichen Gehirns, denke ich sofort darüber nach, wie die das Lernen beeinflusst und wie das im Zusammenhang mit Pferden eine Rolle spielt.“ Neurolinguistisches Programmieren wurde Anfang der 1970erjahre an der University of California in Santa Cruz entwickelt und versteht sich als Sammlung unterschiedlicher psychologischer Verfahren und Modelle, die zu einer effektiveren zwischenmenschlichen Kommunikation und Einflussnahme führen. Wie bei anderen psychologischen Ansätzen, geht man im NLP davon aus, dass menschliches Verhalten durch innere Prozesse ausgelöst wird. Innere Prozesse und äußere Wahrnehmungen stehen in einem gegenseitigen Zusammenhang. In der Praxis soll NLP unter anderem helfen, einem Menschen seine inneren Bilder und Vorstellungen zu vergegenwärtigen. Angst-Reitern nimmt Amanda nach deren Einwilligung nach Kursende auch mal alleine ins Gespräch.  „Übungen im Sattel lösen nicht immer tiefsitzende Ängste. Diese können auch von Geschehnissen aus der Kindheit kommen, derer sich der Reiter nicht bewusst ist. Er muss sich sehr öffnen und sich seinen Ängste stellen. Das ist sehr persönlich und nicht immer in der Kursgruppe zu besprechen. Es ist dann manchmal erforderlich, mit dem Reiter allein zu sprechen.“

Aikido-Übungen für besseres Reiten

Aikido ist eine alte japanische Kampfkunstart. Als Verteidigungsart geschaffen, basiert sie auf dem Umlenken von Energie. Der Angreifer wird also nicht mit Gegendruck geschlagen, sondern der Aikidomeister erkennt schon im Vorfeld, welche Absichten der Angreifer hat, lenkt dessen Energie harmonisch um, so das dieser ins Leere läuft. Ein ruhiger stabiler Geist, der in sich ruht, ist dafür notwenig. Der Gedanke des „Nicht auf Kampf einlassen“ ist der Punkt, den Mark Rashid auch bei der Arbeit mit Pferden schätzt und anwendet. Dabei sei die richtige Atmung das A und O. „Richtiges Atmen ist beim Aikido einer der wichtigsten Punkte – und auch beim Reiten“, erklärt der Horseman aus Colorado. „Viele Menschen leben – ihrer Atmung nach – täglich in einer Art Panik-Stadium. Sie atmen wie auf der Flucht: ganz flach, nur in den Brustkorb. Bis zum etwa fünften Lebensjahr atmen wir tief und ruhig, doch dann, wenn wir uns den anderen Menschen anpassen, wird unsere Atmung immer flacher. Atmet man in den Brustkorb, liegt auch der Schwerpunkt des Körpers dort. Ziemlich weit oben.“

Die Balance beim Laufen, Arbeiten oder Reiten liegt also über der Körpermitte und ist dadurch instabil. „Drücken Sie einmal mit Ihren Fingern vorne gegen den Knochen der untersten letzten Rippe, rechts und links – ruhig so, dass es drückt. Dann lassen Sie wieder los. Nun atmen Sie genau bis zu diesen Punkten, ruhig und gleichmäßig, und legen Sie den Fokus mal auf das Aus- und nicht immer nur auf das Einatmen“, fährt Rashid fort. „Es macht Sie stabiler, ruhiger und zentrierter.“ Im Aikido wird jede Bewegung aus dem Zentrum heraus gemacht, das etwa fünf Zentimeter unterhalb des Bauchnabels, zwischen Wirbelsäule und Bauchdecke liegt. Alle Energie, also die fürs Anreiten, über den Sprung setzen, Joggen oder Milchtüten-Tragen, kommt daher. Es ist das Kraftzentrum und hat nichts mit Muskelkraft, sondern mit innerer Stärke zu tun. „Wird ein Pferd fest beim Galoppwechsel, hält der Reiter bestimmt dabei seinen Atem an, anstatt auszuatmen. Nimmt das Pferd bei Übergängen den Kopf hoch, hält der Reiter bestimmt den Aten an. Stößt das Pferd beim Sprung an die Stange, atmet der Reiter sicher nicht aus. Beobachten Sie einmal, wie Sie im Alltag und im Sattel atmen. Es wird einen riesigen Unterschied in der Lockerheit ihres Körpers machen“, sagt Amanda Barton. „Auch Sitzprobleme wie Nach-vorne-Fallen, verschwinden mit der richtigen Atmung von allein. Denn wer richtig atmet, sitzt automatisch im Schwerpunkt und aufrecht. Es ist nur eine Frage der Übung.“          

Informationen

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hier auf goodhorsemanship.de oder auf Amanda Bartons Webseite:

www.amandabarton.co.uk


Text, Fotos © Rika Kreinberg/b

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