Was ist Horsemanship?

 

It depends …

Horsemanhip – gelebt und nicht nur als Begriff betrachtet – ist stets im Wandel der Zeit zu sehen. Aus dem Englischen kommend, bedeutet dies im Allgemeinen: ein freundlicher, kompetenter Umgang mit Pferden. Regionale, häufig sehr unterschiedliche Gepflogenheiten sind dabei zu beachten: Horsemanship in Spanien, den USA, Deutschland oder in der Mongolei werden kulturell entsprechend gelebt und der Kultur entsprechend gehandhabt. In erster Linie beschreibt Horsemanship die Art der Handhabung und des Reitens von Pferden, die aus der amerikanischen Ranch-Reitweise des Westens der USA kam.

Da die Grenzen der Inhalte über die Meere hinweg verschwimmen und es ein Zeichen guter Horsemanship ist, über den Tellerrand zu schauen und positive Ansätze anderer Reitkulturen zum Wohle des Pferdes zu nutzen, beschränkt sich diese Seite nicht nur auf die „Western Horsemanship“, sondern auf Horsemanship in allen Bereichen. Denn Horsemanship ist das gesunde Verhältnis zwischen Mensch und Pferd.

Um das Thema Horsemanship einzuordnen und in seinen verschiedenen Auslegungsformen zu verstehen, ist ein Blick auf dessen Entwicklung notwendig.

Deutschland & Amerika – zwei unterschiedliche Systeme
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Deutschland bietet mit einem gewachsenen Reitsystem und einem fachlich festgelegten Ausbildungsweg dem Suchenden und Lernenden schnell einen Rahmen, in dem er sich orientieren und fortbilden kann. Dieser Rahmen und die darin definierten „Richtlinien der Ausbildung“ zeigen einen Weg auf, der zum Ziel führen kann. Er baut vor allem auf dem System der flächendeckenden Reitvereine mit einer starken Orientierung an den olympischen Reitsportdisziplinen auf.

Alternativen wie das Westernreiten oder die Gangpferdereiterei sind ebenfalls turniersportlich ausgerichtet. Abläufe oder Techniken zu hinterfragen oder anderes auszuprobieren, um selbsterfahrend zu lernen und zu wachsen, sind auf diesem Wege nicht vorgesehen. Die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland entwickelten Vereins- und Verbandsstrukturen haben ein Reitsystem geschaffen, in dem die Ausbildungswege normiert als Richtlinien gestaltet wurden. Sie orientierten sich an einer bestimmten Reitweise und Rasse und grenzten den Freizeitreiter mit seinen unterschiedlichen Facetten, zahlreichen Rassen von Norweger, Quarter Horse oder Iberer im Ausbildungsangebot lange Jahre aus. Neben dem offiziellen sport-orientierten Reit-System mit Warmblutpferden entwickelte sich daher in den 70er-/ 80er-Jahren eine Parallellwelt. In dieser fanden alle „alternativen“ Reitweisen, Reitstile und auch Haltungsformen nebeneinander ihren Platz. Das Spektrum wuchs, und so entstanden mit dem Anstieg der Pferdeanzahl durch Import und eigene Zucht der verschiedensten Alternativ-Rassen wiederum einzelne Reitweisen oder rasse-zugehörige Verbände. Ob Gang-, Western- oder Barockpferde – jeder konnte seinem Geschmack nach Reiten und der Lieblingsrasse treu bleiben.

Horsemanship in den USA: Man stelle sich nun vor, es gäbe nur diese verschiedenen Gruppierungen, mit ihren eigenen Ausbildungswegen, Rassen, Schaubildern oder Turnierdisziplinen ohne jegliche übergeordnete Vereinsstruktur. So kann man sich das Reitwesen in den USA vorstellen. Und das verteilt auf 50 Staaten, von denen viele nicht selten größer sind als Deutschland. In Amerika, wo auch für das Westernreiten keine allgemeingültige Reitlehre mit ausgesprochenen Richtlinien besteht, hatte schon immer folgender Grundsatz Gültigkeit: „learning by doing“. Anderen zuschauen, um selbst zu lernen, Vorgehensweisen zu hinterfragen, um das eigene System zu verbessern, effektiver, freundlicher, sicherer oder sinnvoller zu gestalten. Wieso und warum tut man etwas? Wie tut man es, und welche Funktion und Wirkung hat es? Der denkende amerikanische Horseman ist somit ein Praktiker. Dieses fundamentale Wissen um Pferdezahnbehandlung, Wirkungsweisen von Ausrüstungsgegenständen, Besattlung, Verhalten, Anatomie, Ausbildung, Fütterung oder Hufkunde, das auch in Deutschland im 2. Weltkrieg und davor jedem Mann am Pferd im Detail geläufig war, ging in Deutschland nach dem Kriege mit dem Rückgang der Pferdepopulation ein Stück weit verloren.

Die amerikanischen Rancher aus dem Westen, die bei ihren Pferden neben absoluter Verlässlichkeit stets an mehr Leichtigkeit, Verfeinerung und Effektivität interessiert waren, lernten diese Inhalte von Kindesbeinen an von ihren Vätern und Großvätern: Lederarbeiten, schmieden, beschlagen, Tiere in den wesentlichen Aspekten medizinisch behandeln und so ausbilden, dass das Pferd respektiert wird, aber dennoch kontrollierbar bei der Arbeit zur Verfügung stand. Ein Pferd war wertvoll für einen Rancher – und kein Luxusobjekt. Er war von ihm abhängig. Der Verlust eines guten Arbeitspferdes hatte schwerwiegende Folgen. Finanziell, und auch was die Zuverlässigkeit in der Arbeit anging. Es musste lange gesund bleiben und war ein wertvolles Mitglied der Ranch.

Hier kann der Vergleich zur ehemaligen deutschen Kavallerie-Reiterei (auch Kampagne-Reiterei) gezogen werden. Auch hier wurde das Pferd als wertvolles Gut geschätzt und so geritten und gehandhabt, dass es mental und körperlich lange zuverlässig zur Verfügung stand. Kavallerie-Pferde wurde oft mit 19 Jahren noch als gut ausgebildete und zuverlässige Pferde für viel Geld verkauft. Die Philosophien und Arbeitsschritte in der Ausbildung dieser beiden Gebrauchsreitweisen finden viele interessante Berühungspunkte.

Horsemanship-Bewegung – Tom Dorrance & Ray Hunt

Die Brüder Bill und Tom Dorrance waren in Oregon um 1950 bekannt dafür, ein besonderes „Händchen“ bei der Ausbildung von Pferden zu haben. So ergab es sich, dass Rancher-Nachbarn „herüberkamen“, um von ihnen zu lernen. Besonders Tom Dorrance war es, der vermehrt Hilfestellung auf anderen Ranches gab und reiste. Unter den sehr erfahrenen Ranchern war auch Ray Hunt, der von da an viele Jahre von Tom lernte. Immer mehr Interessenten der umliegenden und auch entfernteren Ranches wollten von Tom und dann auch von Ray lernen, und so wurde aus kleinen Nachbarschafts-Diensten über viele Jahre hinweg eine Art Kurs-System: die sogenannten „clinics“ (Kurse) entstanden.

In den 80er- und 90er-Jahren änderte sich dann allerdings die Klientel in diesen „clinics“. Neben den erfahrenen „hands“ (erfahrene Rancher, die selbst schon viel Know-how und auch reiterliches Können mitbrachten) kamen immer mehr amerikanische Freizeitreiter hinzu. Diese waren – in den für Rancher ausgelegten Kursabläufen – häufig überfordert, bewunderten aber gleichzeitig das für die Rancher so leicht, bescheiden und authentisch dargestellte Können. Sie lernten vieles über ihre Freizeitpferde, und es entstanden regelrechte „Kursgänger“, die alles rund um ihre „Horsemen“ und die Traditionen dahinter lernen wollten. Die Nachfrage der Freizeitreiter stieg, und so entwickelten sich aus dem Kreis von Ray Hunt und Tom Dorrance zahlreiche gute Horsemen in den USA, die auch reisten, Kurse gaben, Bücher schrieben und um die Welt fuhren, um Horsemanship aus der Ranchreitweise zu verbreiten. Sie verdienten ihr Geld nun mit Seminaren über ein Thema, das für sie selbstverständlich ist. Buck Brannaman, der mit 16 Jahren von Ray und Carolyn Hunt unter deren „Fittiche“ genommen wurde, ist der wohl bekannteste und authentischste Vertreter und Botschafter der Horsemanship-Reitweise nach Hunt und Dorrance. Er transportierte dieses Thema weltweit und tut es noch heute.

Nach Deutschland schwappten die amerikanischen Western-Horsemanship-Einflüsse in den 70er-Jahren. Deutsche Reiter und Züchter interessierten sich für Westernpferde, für das Westernreiten – und Betriebe wie Goting Cliff, Trainingsstall Leckebusch oder Jomm Ranch verbreiteten das Thema über die nächsten 20 Jahre. Wolf Kröber, Initiator der Equitana, schuf eine Plattform, auf der die verschiedensten Reitweisen eine öffentliche Präsenz entwickeln konnten. Alan Jakob stellte auf der ersten Equitana 1972 das erste Quarter Horse in Deutschland vor. Der Boom des Western- und Freizeitreitens in Deutschland begann und wurde in der Breite gelebt. Zahlreiche amerikanische Trainer gaben über die nächsten Jahre in Deutschland Kurse. Es entstand die Western-Turnierreitweise, die allerdings mit den reiterlichen Inhalten der Brüder Tom und Bill Dorrance, Ray Hunt oder Buck Brannaman nur wenig gemein hatte. Einzig Jean-Claude Dysli und Peter Kreinberg hielten die Ranch-Reitweise der Westküste, die klassisch-kalifornische Reitweise in der Öffentlichkeit populär. Die Horsemanship-Bewegung dieser amerikanischen Horsemen fasste über einzelne Ausbilder hauptsächlich im Freizeit-/Westernbereich fuß.

Bis zur Jahrtausendwende blieb das deutsche Reitsystem (Verbände/Turnierausrichtung) unverändert, und „alternative“ Reitweisen blieben eher unter sich. Erst mit den ersten Besuchen von Monty Roberts, der zwar nicht als authentischer Vertreter west-amerikanischer Horsemen galt, aber durch gutes Management Ränge der Equitana füllte, gelang es, deutsche Warmblutreiter für ein anderes System als für das eigene zu interessieren. Auch wenn Roberts in den USA und auch hier bei Fachleuten nicht gerade anerkannt ist, so öffnete sein Besuch in Deutschland dennoch die Türen zu einer bislang verschlossenen Reitstruktur. Dies blieb auch der deutschen reiterlichen Vereinigung (FN) nicht verborgen, die sich seitdem den vielen Freizeitgruppierungen annäherte.

Das Thema Horsemanship wurde vermarktungsfähig und somit ein Stück weit gesellschaftsfähig: Bücher, Videos, Kurse oder Messethemen wurden erarbeitet, und die ursprünglich für sich stehenden „alternativen“ Reitweisen wurden unter das Dach des deutschen Verbandes hinzugenommen. Die Spezial-Reitweisen Western, Barock und Gangpferde sind heute der FN angeschlossen.

Die amerikanische Unterrichtsgestaltung in Form von Seminaren ist im Freizeitbereich bis heute geblieben, und auch heute noch reisen zahlreiche Pferdebesitzer mit ihren Pferden zu dem Trainer ihrer Wahl. Es ist neben dem regelmäßigen Reitunterricht im heimischen Stall ein effektives System, um Reiter zu schulen, die autodidaktisch von einem bestimmten Ausbilder und in dessem System lernen möchten.

Es hat sich viel getan in Deutschland in den letzen 15 bis 30 Jahren, und in der Flut der Magazine und Fachmeinungen ist es um so wichtiger, dass sich der Pferdebesitzer sein eigenes Bild macht und sich selbst informiert. Zu viele Meinungen können auch verunsichern.

Diese Seite, „goodhorsemanship.de“, soll dabei helfen.

„Ich wünsche Ihnen viel Freude auf diesen Seiten! Eine Freundin von mir sagte einmal folgenden Satz, der mir zu diesem Text sehr gut zu passen scheint: ‚Horsemanship is not for sale‘ (Horsemanship gibt's nicht im Ausverkauf).“ – Leslie Desmond –

Rika Kreinberg

 

„Wenn ich weiß, was ich tue, kann ich tun, was ich will.“  – Moshe Feldenkrais –

 

Informationen

zu der Initiatorin dieser Seite, Rika Kreinberg,

finden Sie hier.

 

 

 

 

Text & Fotos © RK / bh

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