Vaqueros und natural Horsemen

 

Ursprung der Natural Horsemanship-Bewegung

Von Vaqueros und Natural Horsemen Er gilt als historische Figur, der Vaquero-Reiter Kaliforniens. Mit kunstvoll verziertem Sattel und Sporen präsentiert er seinen größten Stolz: DasBridle Horse. Dass die Geschichte der Vaquero-Reitweise lebt, sie durch eine Handvoll Horsemen weiter entwickelt und praktiziert wird, wissen die Wenigsten. Lesen Sie den Werdegang einer Reit- und Lebensweise, deren höchster Anspruch die Ausbildung des Pferdes ist.

 
 
 

Der Vaquero-Reiter ist ein Horseman, der sein Pferd auf den Punkt genau reitet, ein Pferd, das sich willig, versammelt und aufmerksam unter den fast unsichtbaren Hilfen des Reiters fortbewegt. Gemessen wurde das Können des Vaqueros an seinen Fähigkeiten, ein Lasso zu schwingen, ein Pferd auzubilden und es zu reiten. Der Vaquero oder Buckaroo sieht seine Arbeit nicht als Beruf, sondern als Handwerk und Kunst. Gute Manieren, sauberes Auftreten und Bescheidenheit grenzen ihn von so manchem Kautabak spuckenden Cowboy ab. Im Laufe der Zeit, in der mehr und mehr amerikanische Ranches vom modernen Lebensrhythmus überrollt wurden, drohten die alten Traditionen zu versinken. Nur eine Handvoll Arbeits-Cowboys im Westen der USA und in Kanada pflegten die traditionellen Überreste dieser Lebensweise. Eine Gruppe von Horsemen tauschte untereinander Erfahrungen aus: Diese Pferdekenner, die die Traditionen respektierten und deren Techniken und Philosophien praktizierten, begannen, ihr Wissen preis zu geben: Über Dekaden hinweg wuchsen die kleinen Horsemen-Treffen zu größeren Kursen der unterschiedlichsten Pferdekenner heran. Interessierte Rancher, Turnier- oder Freizeitreiter waren unter den Teilnehmern.

Ruhig und stetig wuchs eine Bewegung heran, mit der sich Reiter der verschiedensten Ausbildungsstände und Disziplinen identifizieren konnten und die wohl heute unter dem Begriff "Natural Horsemanship" zu verstehen ist. Beim Natural Horsemanship arbeitet der Horseman nicht gegen die Instinkte des Tieres, sondern nutzt dessen natürliche Eigenschaften, um es erfolgreich auszubilden. Die Basis dieser Ausbildung ist eine solide Beziehung zum Partner Pferd. Dieser vertiefte Umgang mit Pferden zeigt auf, dass wir Menschen uns den Bedürfnissen der Pferde anpassen müssen. Und nicht anders herum. Die Tiere sollten vom Reiter unterstützt und beruhigt werden, damit deren Interaktion mit Menschen ein Lernprozess wird und kein Akt der Unterwerfung. Das hört sich einfach an. Doch reist man zu verschiedenen Ausbildungsstätten und Turnieren, dann sieht man, wie rar so ein Umgang ist. Diese Methode, mit Pferden zu arbeiten, ist eher eine Methode fürs Leben. Dem Pferd werden keine vorgeschriebenen Schritte oder Zeiteinheiten auferlegt. Es bekommt genau die Zeit, die es benötigt, um ein solides Reitpferd zu werden, das physisch und psychisch auf der Höhe ist. Der Natural Horseman und der Vaquero schätzen den Verstand und Charakter des Pferdes genauso wie seine körperlichen Fähigkeiten. Das Ergebnis seiner Ausbildung ist ein Pferd, das seinem Führer wohin er auch will willig folgt. Nicht aus Angst vor Bestrafung, sondern aus gegenseitiger Annerkennung.

Tom Dorrance gilt als der Mann, der diese Bewegung in den USA ins Rollen brachte. Wie ein Schmetterling, der in einem Teil der Welt seine Flügel schlägt und damit in einer anderen einen Taifun hervorruft, war Tom ein sehr bescheidener Mann. Er machte kein großes Aufheben um sich. Aufgewachsen mit seiner Familie auf einer Ranch in Oregon, ritt Dorrance schon als "kleiner" Cowboy. Mit der Zeit, Tom ritt Pferde ein und erledigte mit ihnen die Rancharbeit, entwickelte er ein tiefes Verständnis dafür, wie man mit Pferden kommunizieren kann. Wie man ein nervöses Pferd beruhigt und die Ruhe in einem relaxten Pferd beibehält. Der Oregonian fuhr umher, half Reitern der verschiedensten Bereichen mit ihren Pferden. Seit 1966 lebte der ge mit Ehefrau Margot in Kalifornien.

Tom lernte von den Pferden: Durch den direkten Umgang mit ihnen und durch Beobachten der freien Herden. Er fand Wege, mit der Natur des Pferdes zu arbeiten und hilft Menschen, ihre Pferde als das zu sehen, was sie wirklich sind: Pferde. Viele junge Cowboys baten Tom und seinen Bruder Bill um Rat. So auch Ray Hunt Anfang der 70er Jahre. Er ist der wohl bekannteste Schüler Toms und war der Erste, der sein und Toms Pferdewissen durch Kurse an die Öffentlichkeit brachte. Über 35 Jahre bereist der heute verstorbene die Welt und gibt Kurse. Tom Dorrance brachte die Leute zum Umdenken: Er lehrte sie, wie man an Pferde herangehen muss, dass man auf deren Gefühle und Verstand eingehen muss. Nun geht es aber nicht darum, Pferde zu "verhätscheln", sondern darum, einen Job so sicher und effizient wie möglich zu erledigen. Bist du ein "Working Cowboy" und dein Pferd versucht, dich jedesmal abzubuckeln oder zu treten, wird das dein Leben erschweren. Wenn du stattdessen ein wenige Zeit damit verbringst, dein Pferd gut aufs Einreiten vorzubereiten, ihm vorher die Angst und die Anspannung nimmst, wird die Arbeit für dich und dein Pferd viel erfreulicher sein. Der traditionelle Vaquero-Reiter war stolz auf seinen Umgang mit Pferden und auf seine Fähigkeit seine Arbeit, die haupsächlich zu Pferd geschah, zu erledigen. Die heutigen Vaquero-Horsemen sind nicht minder stolz. Sie sind nicht auf kurzen Erfolg aus, sondern respektieren ihre Tiere, schätzen eine fundierte, langfristige Ausbildung. Ihre Pferde sollen ein Leben lang gesund bleiben.

Alte Zeiten: Durchleuchtet man die Historie von Natural Horsemanship, so könnte nur ein unwissender oder ignoranter Mensch behaupten, es hätte diese Art und Weise mit Pferden umzugehen, nie zuvor gegeben. Die Beziehung von Mensch und Pferd ist Jahrhunderte alt. Es gab Zeiten, in denen das Leben der Menschen von der Beziehung zu ihren Pferden abhing auf Farmen oder auf dem Schlachtfeld. Ohne willige Kommunikation zwischen Zwei- und Vierbeiner wären manche Dinge gar nicht möglich gewesen. Im Vergleich zur heutigen turnierorientierten Reiterwelt, in der das Pferd in eine bestimmte Sparte gepresst wird und der Zeitrahmen seiner Ausbildung von vornerein festgelegt wird, scheinen die historischen Ausbildungsphilosophien, die sich an den Bedürfnissen der Pferde orientieren, allerdings revolutionär. Die heutige Natural Horsemanship-Bewegung ist philosophisch und geografisch eng mit der Tradition der Vaquero-Reitweise verbunden. Die Mehrheit der Reiter verdient sich die Brötchen heute nicht mehr zu Pferd. Die Stunden im Büro sind länger als die im Sattel. Reiten wird heute hauptsächlich als Hobby ausgeführt. Umso wichtiger ist eine gute Grundausbildung des Pferdes. Die meisten Cowboys könnten ein buckelndes Pferd aussitzen, auch wenn das ihren Arbeitstag erschweren würde. Die meisten von uns würden sich auf einem wild bockenden Vierbeiner nicht lange halten.

Von Europa in die neue Welt

Die iberischen Pferde, die die spanischen Conquistadores auf ihren Segelbooten mit an die amerikanische Küste brachten, ließen sich in Kriegeskämpfen von ihren Reitern auf den Millimeter genau lenken. Diese spanischen Soldaten und Pferdekenner eroberten das Land, ließen sich in Süd-Amerika, vor allem in Mexiko, und in Kalifornien nieder. Lange bevor der Hollywood-Staat zu den Vereinigten Staaten gehörte. Spanien subventionierte Ländereien, und so entstanden riesige Ranches. Die Ureinwohner der Kalifornischen Küste wurden von den Spaniern missioniert. Die traditionelle spanische Reitweise und deren Lehre passte sich den Landes- und Lebensumständen an. Anstatt spanischer, angreifender Rinder fanden die Reiter hier flüchtendes Vieh vor. Der Stolz und die Ehrfurcht vor dem Pferd flossen weiter in ihre Arbeit ein. Indianer, die sich talentiert mit Pferden zeigten, konnten sich den Rang eines Vaqueros erreiten und so mit größerem Ansehen neben den Conquitadores reiten. Geschätzt wird die Gründung der Vaquero-Reiterei auf Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Tradition guten Horsemanships, der Reichtum des Landes, die Rinder und guten Pferde sowie das kalifornische Klima schafften eine Zeit, in der die Vaqueros das Land beherrschten. Sie hatten alle Zeit der Welt, ihre Pferde auszubilden und diese zum angesehensten Mitglied ihres "cavvy³ zu machen: Zum Bridle Horse.

Die Ausbildung zum Bridle Horse

Der ganze Stolz der Vaqueros war ihr Bridle Horse, ein Pferd hohen Ausbildungsstandes, das in der Kandare geritten wurde. Gleichzusetzen mit einem Grand Prix-Dressurpferd, wurden sie in der absoluten Korrektheit ihrer Bewegungen ausgebildet. Zusätzlich mussten sie in der Arbeit am Rind fein auf die Hilfen des Reiters reagieren und Nervenstärke beweisen: Einen Bullen am Lasso halten, ein Rind am Zaun wenden oder eine Herde auf einer Lichtung in Schach halten. Durch ihre ausführliche Ausbildung und Erfahrung wuchs der Wert des Pferdes erheblich. Die Vaqueros verehrten sie. Ein Bridle Horse auszubilden erfordert Zeit, Geduld und eine Menge Erfahrung. Jungpferde werden normalerweise mit einem Hackamore angeritten, das aus einem geflochtenen Rohhaut-Bosal und einem Pferdehaar-Mecate besteht. Es kann auch erst mit Wassertrense angeritten und dann mit Hackamore je nach Vorliebe des Vaqueros. Nach einer fundierten Grundausbildung steigt das Pferd in die Ausbildungsphase mit vier Zügeln auf: Ein Pencil-Hackamore, dessen Bosal und Mecate dünner ist als das des normalen, und eine Kandare mit Romal-Zügeln dient als Zubehör. Zu Beginn trägt das Pferd die Kandare nur im Maul, geritten wird es über das Hackamore. Hat sich das Pferd an das Gebissstück gewöhnt, wird der Vaquero nach und nach immer mehr auf Kandare reiten. Er wird das Pferd dann einhändig reiten, in der anderen Hand wird sein Lasso schwingen. Je nach Situation wechselt der Vaquero zwischen Hackamore und Kandare. Wie lange das Pferd mit vier Zügeln geritten wird hängt vom Pferd ab, es alleine bestimmt den Zeitrahmen. Arbeitet es solide auf Kandare mit, nimmt der Vaquero das Hackamore ab und reitet das Pferd, wie der Amerikaner sagt, "Straight up in the Bridle³ (nur auf Kandare). Als Schmuckstück würde er ein "Bosalillo³, ein sehr dünnes Bosal mit einem Lederbändchen in den Schopf des Pferdes knoten. Er würde auch ein Seil mit Strick um den Hals des Pferdes befestigen: Die Pferde werden so fein in der Kandare geritten, dass der Vaquero vermeiden möchte, unnötig an die Zügel zu kommen. Führen wird er sein Bridle Horse am Strick. Ein echtes Bridle Horse auszubilden, geht weit darüber hinaus, es bloß auf Kandare zu reiten. Wiedererkennungswert: Die Rasur. Die Mähnen der Pferde werden nach ihrem Ausbildungsstand markiert: Ein Pferd, das mit Hackamore oder Wassertrense geritten wird, ist an der 20 Zentimeter langen Rasur der Mähne vom Widerrist aus zu erkennen. Wird das Pferd mit vier Zügeln geritten, wachsen zwei Strähnen aus dem Geschorenen heraus, die etwa fünf Zentimeter lang sind. Entwickelt sich das Pferd zu einem Bridle Horse und darf es mit der Kandare geritten werden, bleibt nur eine Strähne auf dem rasierten Stück im Mähnenkamm stehen. Da die Ausbildung des Pferdes einen enormen Stellenwert für die Vaqueros hat, können sie so auf der Weide den Ausbildungsstand der Tiere erkennen. Sie wissen mit welchem Equipment sie es reiten sollen und wobei sie das Tier noch unterstützen können.

Das Erbe der Vaqueros

Heute wird das Vermächnis der Vaqueros von einigen Horseman wie Buck Brannaman bewahrt: Sie geben Kurse, schützen die alten Philosophien und Techniken, die der Ausbildung eines Bridle Horse zu Grunde liegen. Gleichzeitig zeigt sich in ihrem natürlichen Umgang mit Pferden der Einfluss, den die Dorrance-Brüder auf die Horsemen nahmen. Sie schulen ihre eigenen Pferde, bringen ihren Schülern nicht nur die Anwendung der kalifornischen Ausrüstung bei, sonden auch alle Fähigkeiten, die sie brauchen, um ein echtes Bridle Horse auszubilden.

Pferdekenner wie Ray Hunt, Buck Brannaman, Bryan Neubert, Mike Bridges, Peter Kreinberg oder Alfonso Aquilar und viele andere, geben ihr Wissen heute in Amerika und Europa an Interessierte weiter. Viele Teilnehmer, Englisch- oder Westernreiter, wollen und werden niemals Cowboys sein, doch erkennen sie, wie wichtig es ist, dem Pferd eine "sinnvolle und würdige Aufgabe" zu geben.

Text: Rika Kreinberg

Rika Kreinberg (damals Schneider) erinnert sich: "Tom Dorrance war nach Kursen in Oregon mit Bryan Neubert der 'Augenöffner' für mich. Ich hatte durch praktische und theoretische Seminare mit Bryan Neubert in Newberg, OR, im Jahr 1996 und 1997 schon die ersten echten Einblicke in die Arbeit der respektvollen und so authentischen Horseman des Westens bekommen. Doch errinnere ich mich heute an die Seminare, die ich mit meiner amerikanischen Freundin Tanya Wagner von Oregon aus besuchte, dann waren die Seminare von Tom Dorrance doch etwas ganz besonderes. Es waren kleine Kurse, mit etwa 10 bis 20 Zuschauern damals (später wurden es mehr) und Tom versprühte eine Athmosphäre wie sie sicher der Dalai Lama oder andere bescheidene, weise und durch und durch freundliche Menschen ausstrahlen. Wir besuchten seine Kurse in Nord-Kalifornien und Oregon. In den späteren Kursen saß Tom hoch oben auf einem Wagen, sicher vom Kursgeschehen und gab Hilfestellung von 'oben' die teilweise durch Horsemen wie Joe Wolters durchgeführt wurden. Auch wenn Ray Hunt als der erste Schüler Toms in der Öffentlichkeit gilt, so unterschieden sie sich doch enorm im Umgang mit den Menschen. Einen weicheren, netteren, freundlichen und herzensoffeneren Kursleiter als Tom es war, habe ich nicht mehr kennengelernt. Ein Mann aber auch aus einer Zeit, die vergangen ist und die sich heute sicher kaum noch einer vorstellen kann. Es folgten dann viele Kursbesuche bei Buck Brannaman, Bryan Neubert oder Leslie Desmond, die - einhergehend mit den Freundschaften aus diesen Kurs-Kreisen - mich prägten und von aus denen ich noch heute schöpfe."

VAQUERO-LEXIKON

Mecate: Zügel aus Pferdehaar (heute auch aus synthetischen Seilen), werden am Bosal oder an der Wassertrense befestigt Bosal: Nasenband, geflochten aus Rohleder, dessen Schenkel sich unter dem Pferdekinn zu einem "Heel Knot' (Knoten) vereinigen.

Bridle: Eine Kandarenzäumung, traditionell sind die Seitenstücke kunstvoll verziert und ihr Stil verrät, welchem Missionsort der Horseman angehört.

Hackamore: Ein Bosal, das durch ein Kopfstück mit einem Mecate kombiniert ist.

Romal Reins: Aus Rohhaut geflochtene, geschlossene Zügel, an deren Ende eine petschenartige Verlängerung eingeknotet ist.

Riata: Ein Lasso aus Rohleder für die tägliche Roping-Arbeit. Remuda: Alle Hengste, Stuten und Fohlen einer bestimmten Ranch.

Cavvy: Eine Herde Reitpferde, aus der sich der Cowboy täglich sein Pferd für die Arbeit auswählt.

Vaquero/Buckaroo/Cowboy: Historische Begriffe – Mit einem Vaquero ist meist ein Rinderhirte gemeint, dessen Vorfahren Hispano-Amerikaner oder Indianer waren. Ein Buckaroo ist auch Rinderhirte, seine Hautfarbe jedoch weiß. Der Begriff Cowboy würde auf beide passen.

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